Navigationsbereich

Sie befinden sich hier:

„Start-ups müssen sehen, dass sie sich in denjenigen Bereichen der Lieferkette einbringen, die mit kürzeren Zyklen arbeiten und deren Produkte nicht unmittelbar einer Zertifizierung unterliegen.“

Thomas Belitz Thomas Belitz
© BDLI e.V.


Thomas Belitz ist Referent für Luftfahrt, Ausrüstung und Werkstoffe beim Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie e.V.

Herr Belitz, in welchen Bereichen der Luft- und Raumfahrtbranche sehen Sie für Start-ups die größten Chancen?
Belitz: Kurz gesagt, in allen Bereichen, die weder von Zertifizierungsverfahren noch von extrem langen Produktlebenszyklen abhängig sind: Das Besondere in unserer Branche ist ja, dass so gut wie alle Endprodukte zertifiziert sein müssen. „Safety first“ gilt für unsere Industrie - dies ist ein Grund dafür, dass Fliegen die sicherste Art der Fortbewegung ist.

Um eine Zertifizierung zu erhalten, müssen Hürden überwunden werden, die mit hohem Zeit- und Kostenaufwand verbunden sind. Eine weitere Besonderheit ist, dass unsere Produkte in einer vergleichsweise geringen Stückzahl hergestellt werden – es gibt schließlich viel weniger Flugzeuge als Autos – und dass die Lebenszyklen unserer Produkte extrem lang sind. Gleichzeitig ist ein Flugzeug maximal komplex und umfasst mehrere Millionen Teile. Die Wertschöpfungskette ist tief gestaffelt und international aufgestellt. Die Branchenspezifika und die damit verbundenen hohen Anforderungen sind daher für ein junges Unternehmen kaum zu bewerkstelligen.

Wie kann Start-ups dennoch der Einstieg gelingen?
Belitz: Junge und kleine Unternehmen müssen sich in diejenigen Bereiche der Lieferkette einbringen, die mit kürzeren Zyklen arbeiten und deren Produkte nicht unmittelbar einer Zertifizierung unterliegen. Zum Stichwort „Industrie 4.0“: Hier sehen wir, dass Start-ups mit ihren digitalen Lösungen wichtige Impulse setzen können, um Zulieferketten effizienter und besser zu gestalten. Dazu gehört die Entwicklung virtueller Produkte, wie zum Beispiel digitale Zwillinge, die in der Lage sind, ein reales Objekt in der digitalen Welt zu repräsentieren und über Sensoren damit verbunden sind. Weitere Beispiele sind die Produktwartung und Instandhaltung, wenn anhand von Big Data und künstlicher Intelligenz Wartungsleistungen zum passenden Zeitpunkt erfolgen und Wartungsketten dadurch effizienter gestaltet werden, Stichwort „predictive maintenance“. Zunehmend spannend für neu entstehende Wertschöpfungsketten werden auch alle Fragen rund um das Recycling von Flugzeugen sein.

Bietet die Luft- und Raumfahrt insgesamt gute Voraussetzungen für junge Unternehmen?
Belitz: Die wirtschaftlichen Zukunftsaussichten sind in der Luft- und Raumfahrtindustrie besonders aufgrund der Auftragslage im zivilen Luftverkehr sehr gut. Der weltweit zunehmende Mobilitätsbedarf und der Ersatz von älteren Fluggeräten mit hohem Kerosinverbrauch durch die neueste lärmarme, kraftstoffsparende Flugzeuggeneration sind weiterhin wesentliche Wachstumstreiber. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt aber, dass auch unsere Industrie Schwankungen ausgesetzt ist. Und natürlich zählen globale Handelskonflikte, der Brexit oder auch Schwankungen des Ölpreises zu den Risiken, die das Geschäft beeinträchtigen können.

Junge Unternehmen mit dem Schwerpunkt Luft- und Raumfahrttechnologie sollten daher immer auch im Blick haben, welche Umsatzpotenziale sich damit auch in anderen Branchen ergeben. Unsere Industrie hat hohe Abstrahleffekte auf andere Branchen. Ich denke hier an die Automobil- oder Transportindustrie. Sich branchenübergreifend aufzustellen ist auf jeden Fall sinnvoll!

Wie sieht es im Bereich Drohnen aus? Hier sind doch schon eine ganze Reihe von Start-ups aktiv.
Belitz: Das liegt auch daran, dass es hier noch keine Zertifizierungsauflagen gibt wie bei der bemannten Luftfahrt. Hinzu kommt der sehr breite Einsatzbereich, insbesondere bei Dienstleistungen. Bei Kontrollflügen über Anlagen wie Hochspannungsleitungen bietet der Einsatz von Drohnen gegenüber Hubschraubern eine immense Kosteneinsparung. Ein anderes Beispiel ist die fotographische Dokumentation von statischen Veränderungen bei Bauwerken. Drohnen bieten neue Märkte und damit großzügigen Raum für innovative Geschäftsmodelle! Wichtig ist, und dies betone ich nochmals, dass das für unsere Industrie gültige Primat „safety first“ auch hier gilt, dafür setzt der BDLIsich stark ein.

Neu ist auch der Bereich Air Mobility. Wir sprechen hier vor allem von Flugtaxis. Hier sind Start-ups aktiv, die von der Kapitalausstattung her in einer ganz anderen Liga spielen wegen Beteiligungen von großen Venture-Capital-Gesellschaften und Luftfahrunternehmen. Weltweit gibt es derzeit etwa 150 Start-ups, die Flugtaxis konstruieren. Einige davon werden in den nächsten Jahren sicher erfolgreich ihre Ideen realisieren und auf den Markt bringen. Start-ups aus Deutschland spielen dabei eine wesentliche Rolle.

Welche Bedeutung haben eigentlich Hochschulen bei der Entwicklung innovativer Ideen in der Luft- und Raumfahrt?
Belitz: Hochschulen kommt eine große Bedeutung bei der „Befüllung unserer Innovationspipeline“ zu und auch bei der Heranbildung von Personal sowie innovativen Unternehmensgründerinnen und -gründern. Ein wichtiger und unentbehrlicher Hebel für den Erfolg unserer Industrie im harten globalen Wettbewerb aus dem Hochlohnland Deutschland heraus ist das Luftfahrtforschungsprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Innerhalb der Einzelprojekte werden die Projektführer – in der Regel Unternehmen – angehalten, mit Partnern aus den Hochschulen zusammenzuarbeiten.

Das bedeutet, Unternehmen sind gegenüber unternehmerischen Newcomern aufgeschlossen?
Belitz: Mittelständler in der Luft- und Raumfahrtindustrie arbeiten bewährt und gerne mit Newcomern zusammen. Gemeinsame Tätigkeitsfelder gibt es genug - zum Beispiel in der Produktentwicklung oder im Bereich der Prozessoptimierung.

Unterstützt Ihr Verband solche Kooperationen?
Belitz: Selbstverständlich, und zwar gezielt. Dieses Netzwerk ist für alle Akteure ein hoher Mehrwert. Der BDLI bietet Veranstaltungen an mit dem Ziel, Start-ups mit etablierten Industrieunternehmen zusammenbringen. Start-up-Vertreter sind regelmäßig Gäste in unseren Gremiensitzungen.

Eine wichtige Plattform für Start-ups stellt die ILA Berlin dar, deren Veranstalter der BDLI zusammen mit der Messe Berlin ist. ILA ist das Synonym für Innovation and Leadership in Aerospace. Am 13.-17. Mai 2020 findet die nächste ILA in Berlin statt. Dort bieten wir den jungen Unternehmern die Möglichkeit, sich kostenfrei auf unserem Stand zu präsentieren und vor der Fachwelt zu pitchen. Das machen wir auch, um die Sichtbarkeit dieser Start-ups für die Industrie zu erhöhen und etablierte Unternehmen mit neuen zusammenzubringen.

Ein weiteres großes Event wird die 3. StartUp Night Luft- und Raumfahrtindustrie am 10. Oktober 2019 im Bundeswirtschaftsministerium sein, an der der BDLI sich auch aktiv einbringen und teilnehmen wird.

Stand: Juni 2019

Seite empfehlen: