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DyNAbind GmbH

DyNAbind v.l.n.r.: Prof. Yixin Zhang (Leiter der Arbeitsgruppe, wissenschaftlicher Berater, Mitgründer), Dr. Michael Thompson (Gründer, CEO), Stephan Heiden (Mitarbeiter), Dr. Norbert Höfgen (Gründer, COO), Jana Herrmann (Gründerin), Dr. Francesco Reddavide (Gründer)
© DyNAbind

„EXIST-Teams sollten so früh wie möglich Kontakt mit der Transferstelle aufnehmen und deutlich machen, für welche IP-Rechte Interesse besteht“

Interview mit Dr. Norbert Höfgen

EXIST-Audiobeitag: EXIST-Au­dio­bei­tag: In­ter­view mit Dr. Nor­bert Höf­gen (mpg 4, 6 MB)

Für die Entwicklung von Medikamenten ist die Pharmaindustrie immer wieder auf der Suche nach neuen Wirkstoffen. Doch die Suche nach geeigneten Substanzen ist mühsam. Das möchte das Team von DyNAbind ändern. Die Gründerinnen und Gründer haben im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Technischen Universität Dresden ein Verfahren entwickelt, das das Auffinden von Wirkstoffen erheblich beschleunigt. Mit Unterstützung von EXIST-Forschungstransfer und dem Gründungsnetzwerk dresden exists ist dem Start-up ein vielversprechender Markteinstieg gelungen.

Herr Dr. Höfgen, das DyNAbind-Team hat ein Verfahren für die Arzneimittelforschung entwickelt. Worum geht es?
Dr. Höfgen: Hintergrund ist, dass die Suche nach Wirkstoffen für Arzneimittel wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen ist. Dabei wird bislang in aufwändigen Screening-Verfahren praktisch jeder „Halm“ einzeln analysiert. Bei Millionen von Substanzen ist das eine ausgesprochen zeit- und kostenaufwändige Angelegenheit. Wir haben daher ein Verfahren entwickelt, mit dem wir die chemischen Strukturen dieser zahlreichen Substanzen gleichzeitig testen können, und das sogar für hunderte von Millionen von Substanzen. Damit ist unsere Methode im Vergleich zu anderen Verfahren ungefähr zehnmal schneller und wesentlich günstiger.

Sie wurden durch EXIST-Forschungstransfer gefördert. Wie sah es mit der Unterstützung durch die Hochschule aus?
Dr. Höfgen: Sehr gut. Wir haben Zugang zu Räumlichkeiten und Geräten erhalten und sind insbesondere unserem Institut, dem ZIK B CUBE – Center for Molecular Bioengineering an der TU Dresden, und dem Leiter der Forschungsgruppe, Professor Yixin Zhang, sehr zu Dank verpflichtet. Darüber hinaus wurden wir durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gründungsnetzwerks dresden exists bestens betreut.

Für die marktfähige Entwicklung Ihres Verfahrens haben Sie mehrere Patente von der TU Dresden übernommen. Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Dr. Höfgen: Wir haben uns zunächst einen Überblick darüber verschafft, welche Schutzrechte für uns relevant sind. Das waren dann drei Patente, die wir nach ihrer Bedeutung für unser Geschäftsmodell, nach deren Erteilungsaussichten und deren Rechtsbeständigkeit sortiert haben. Die Rechtsbeständigkeit ist insofern wichtig, als ein Patent, dass beispielsweise für Deutschland erteilt wurde, womöglich im europäischen Prüfbericht dennoch weder als neu noch erfinderisch bewertet wird. In dem Fall muss man sich fragen, ob das deutsche Patent am Ende aufrechterhalten werden kann. Ein weiterer ganz wichtiger Punkt ist die Bewertung der Patente. Man sollte einschätzen können, wie viel ein Patent wert ist und wie viel man bereit ist zu zahlen.

Bevor wir zum Thema Bewertung kommen, erst noch die Frage: Wann haben Sie Kontakt zur Transferstelle der TU Dresden aufgenommen?
Dr. Höfgen: Wir sind bereits wenige Wochen nach Beginn der Förderperiode von EXIST-Forschungstransfer zum ersten Mal bei der Transferstelle der TU Dresden gewesen und haben sowohl darüber gesprochen, für welche Patente wir uns grundsätzlich interessieren als auch wie wir uns unsere Patentstrategie vorstellen.

Und wie hat man in der Transferstelle auf Ihr Anliegen reagiert?
Dr. Höfgen: Wir waren offensichtlich seit mehreren Jahren das erste Team, das mit diesem Anliegen erschien, sodass wir uns gegenseitig in dem Prozess vorwärtsbringen mussten. Teilweise war es ein schwieriges Ringen, aber am Ende war es erfolgreich. Man muss sich einfach darüber bewusst sein, dass das Ganze sehr, sehr zeitaufwändig ist. Da muss zunächst die Absichtserklärung erstellt werden. Sie umreißt das Patent-Portfolio, über das später verhandelt wird. Im Mittelpunkt steht dann das Term Sheet. Dessen Ausarbeitung hat etwa ein Jahr gedauert und bis zum Vertragsschluss hat es noch einmal etwa ein halbes Jahr gedauert. Wir haben also die gesamte EXIST-Förderperiode gebraucht, bis wir schließlich den Vertrag mit der Hochschule schließen konnten.

Warum hat das so lange gedauert?
Dr. Höfgen: Das härteste Ringen ist immer um das Term Sheet. Da geht es nicht zuletzt um die finanziellen Konditionen. In Dresden gibt es das sogenannte „Dresdner Modell“, das von der TUDAG umgesetzt wird. Das heißt, die TU Dresden überlässt ihren Gründerinnen und Gründern die an der Universität entstandenen Erfindungen und Schutzechte zu gründerfreundlichen Konditionen. Im Gegenzug beteiligt sich die TUDAG mit 10 Prozent als Minderheitsgesellschafter am Stammkapital des Start-ups. Das ist insgesamt eine gute Sache, aber im Detail gibt es natürlich viele Aspekte zu verhandeln.

Zum Beispiel den Wert der Patente.
Dr. Höfgen: Ja, die Wert- bzw. Preisermittlung steht im Mittelpunkt bei den Verhandlungen. Dabei war uns wichtig, dass der tagesaktuelle Zustand der Patente bei der Bewertung berücksichtigt wird. Gab es zum Beispiel von den Prüfern des Europäischen Patentamts dokumentierte Schwierigkeiten zur zukünftigen Erteilung der Patente? Gab es Risiken, dass die erteilten Patente nicht rechtsbeständig sein könnten? Das waren und sind Punkte, die zu deutlichen Preisminderungen führen können.

Auf welcher Grundlage hat denn die Hochschule die Patente bewertet?
Dr. Höfgen: An der TU Dresden geht man von einem kostenbasierten Verfahren aus. Das bedeutet, der Kaufpreis orientiert sich an den aufgelaufenen Kosten, die die Universität für die Patente bisher hatte - von der ersten Anmeldung in Deutschland bis hin zur Anmeldung in anderen Ländern. Andere Hochschulen orientieren sich womöglich an der zukünftigen Wertentwicklung des Patents und verhandeln einen fiktiven Lizenzwert, auf den dann entsprechende Zahlungen zu leisten sind.

Warum wollten Sie die IP-Rechte unbedingt kaufen und nicht in Lizenz übernehmen?
Dr. Höfgen: Für uns ist es wichtig, dass wir über die Schutzrechte hundertprozentig verfügen können. Das erwarten auch unsere Investoren. Wenn es um die Weiterentwicklung der Patentstrategie, um Kosten für Verhandlungen mit Prüfern usw. geht, ist es einfach zu umständlich, sich immer noch mit einem dritten Partner, also der Hochschule, abstimmen zu müssen, der dann am Ende auch noch entscheidet.

Im Umkehrschluss trägt man als Inhaber der Patente natürlich alle Kosten selbst. Das ist eine Komponente, die von den meisten Teams nicht beachtet wird. Aber der Kauf eines Patents ist ja nur der erste Schritt. Der zweite Schritt ist, das Patent zu erhalten und zu verteidigen. Das kann gerade bei einem internationalen Schutzraum sehr kostenintensiv sein und sollte bei der Entscheidung, welche Patente man kauft und welche nicht, unbedingt berücksichtigt werden. Generell sollte man sich auch die Frage stellen, ob man wirklich alle Patente kaufen muss oder ob es sinnvoller ist, nur einen Teil zu kaufen und für die anderen Patente eine Option zu wählen. Dafür hatten wir uns beispielsweise entschieden. Wir haben von drei Patenten zwei erworben und für das dritte, deren Erteilungsaussichten noch unsicher waren, zunächst nur eine Option mit einer Nutzungslizenz erworben. Inzwischen hat sich die Situation für dieses Patent aber dramatisch verbessert. Es ist in mehreren Ländern erteilt worden, so dass wir es jetzt kaufen werden.

Welche Vereinbarungen haben Sie denn letztendlich mit der TU Dresden getroffen?
Dr. Höfgen: Zum einen haben wir einen Beteiligungsvertrag mit der TUDAG geschlossen. Das bedeutet, die TUDAG ist mit 10 Prozent an unserem Start-up beteiligt. Zum anderen haben wir für zwei Patente einen Kaufvertrag geschlossen, wobei wir einen Kostenabschlag erzielen und eine Art Teilzahlungsvariante vereinbaren konnten. Neben einer bereits geleisteten Anzahlung werden alle weiteren Zahlungen nur dann fällig, wenn unser Unternehmen Gewinne erwirtschaftet. Das unterscheidet sich von anderen Modellen, bei denen sich weitere Zahlungen am Umsatz orientieren. Aber selbst ein hoher Umsatz kann mit herben Verlusten verbunden sein und wenn in dieser Situation noch Zahlungen für Patente hinzukommen, wird das Unternehmen zusätzlich geschwächt. Insofern halten wir das für keine gute Lösung. Wir finden die gewinnabhängige Vereinbarung deutlich besser.

Sie scheinen mit dem IP-Thema von Anfang an ziemlich vertraut gewesen zu sein. Wie kommt das?
Dr. Höfgen: Wir sind ein eher untypisches EXIST-Team. Ich selbst komme aus der Industrie, hatte 30 Jahre leitende Positionen in der Pharmaforschung und -entwicklung inne und war 15 Jahre IP-Manager. Insofern ist das Know-how vorhanden. Für viele andere EXIST-Teams trifft das nicht zu. Da kann man nur raten, sich Unterstützung bei Coaches und Gründungsnetzwerken zu holen.

Sie sind seit Anfang 2018 am Markt. Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung Ihres Unternehmens?
Dr. Höfgen: Ja, wir haben ein sehr gutes Geschäftswachstum. Momentan arbeiten wir zu 100 Prozent für ausländische Kunden, vorwiegend in Nordamerika, Europa und Japan. Und aktuell steht außerdem unser Umzug in eigene Labore und Büroräume im Bio-InnovationsZentrum in Dresden an.

Was uns etwas zu schaffen gemacht hat, war die Suche nach einem Seed-Finanzierer. Für ein Life-Science-Unternehmen ist das nicht so einfach. Wir haben dazu zwei Jahre gebraucht. Aber mit dem Abschluss der Finanzierungsrunde im Frühjahr dieses Jahres sind wir aus dem Gröbsten raus, so dass wir uns im nächsten Jahr aufs Marketing konzentrieren können und dabei auch den deutschen Markt mit ins Visier nehmen werden.

Ihr Tipp für andere EXIST-Teams?
Dr. Höfgen: Erstens, so früh wie möglich Kontakt mit der Transferstelle aufnehmen und deutlich machen, für welche IP-Rechte Interesse besteht. Und darauf achten, dass man in die weitere Entwicklung einbezogen wird. Zweitens, so viel wie möglich Wissen über das Patentportfolio sammeln, um faktenbasierte Verhandlungen führen zu können. Und drittens, unbedingt mit anderen Teams sprechen, die den Prozess schon hinter sich haben und einem eventuell sagen können, welchen Verhandlungsspielraum es bei den Gesprächen mit der Universität gibt.

Zu guter Letzt noch eine generelle Bemerkung: Meiner Erfahrung nach sollte man die Gründung eines Unternehmens immer als Chance betrachten und sich dafür begeistern. Diese Begeisterung muss sich auf das Gründerteam übertragen – sonst funktioniert es nicht. Nichts destotrotz muss man immer auch einen selbstkritischen Blick auf den Markt, die Wettbewerber und das eigene Produkt haben. Aber die Begeisterung für die Idee und das Unternehmen muss in jedem Fall da sein.

Stand: Dezember 2019

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