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Ebenbuild GmbH

Gründerteam Ebenbuild GmbH v.l.n.r.: Dr. Jonas Biehler, Prof. Wolfgang Wall, Dr. Kei Müller und Dr. Karl-Robert Wichmann
© Ebenbuild GmbH

„Man muss forschungsseitig interessant sein, sonst ist man raus.“

Interview mit Dr. Kei Wieland Müller

Zur Hör­ver­si­on (mpg 4, 12 MB)

Das Innenleben der Lunge gibt Medizinern immer noch Rätsel auf. In einem Forschungsprojekt an der TU München haben Professor Wolfgang Wall und seine drei Mitarbeiter daher eine Software entwickelt, die einen Blick in die Black Box erlaubt und die Funktionen der menschlichen Lunge simuliert. Mit Hilfe von EXIST-Forschungstransfer unternimmt das Ebenbuild-Team nun seine ersten Schritte in Richtung Markt.

Herr Dr. Müller, was genau kann man sich unter einer „digitalen Lunge“ vorstellen?
Dr. Müller: Eine digitale Lunge stellt die Funktion der Lunge eines Patienten sehr akkurat dar und ist sozusagen ihr Ebenbild. Sie ermöglicht Intensivmedizinern sehr detaillierte und neue Einblicke in die menschliche Lunge. Bildgebende Verfahren wie Röntgen, Ultraschall oder Computertomographie werden flächendeckend angewandt. Das sind aber nur bildliche Informationen. Die von uns entwickelte digitale Lunge bietet darüber hinaus funktionelle Informationen, zum Beispiel über mechanische Dehnungen oder auch über den Gasaustausch, der in der Lunge stattfindet. Wir machen die Funktionsweise der Lunge also transparent, sodass Ärzte zum Beispiel einschätzen können, wie sich die künstliche Beatmung bei einem Patienten in dessen Lunge auswirkt. Diese Einschätzung ist derzeit nicht möglich.

Das Thema ist ja gerade jetzt, in Zeiten von Covid-19, aktuell.
Dr. Müller: Absolut. Bei Covid-19 ist es momentan tatsächlich so, dass die meisten beatmeten Patienten ein akutes Lungenversagen, also ein ARDS – ein Acute Respiratory Distress Syndrome – entwickeln. Bei diesem akuten Lungenversagen kommt man mit Standard-Beatmungsmethoden nicht mehr weiter, sondern muss sich sehr genau an der Lungenfunktion des jeweiligen Patienten orientieren. Und genau da können wir einen guten Beitrag leisten. Wir haben aber noch keine prospektiven Studien durchgeführt. Bislang wurde unsere digitale Lunge nur an einzelnen Patienten retrospektiv getestet. Insofern wird es noch etwas dauern, bis unser Produkt zum Einsatz kommt.

Sie haben mit Ihren Kollegen zusammen die Ebenbuild GmbH gegründet. Erzählen Sie uns ein bisschen über die Gründerinnen und Gründer?
Dr. Müller: Ebenbuild wurde von vier Personen gegründet. Dazu gehören Professor Wolfgang Wall, der sozusagen als Vater der Lungensimulationstechnologie gilt, sowie Dr. Jonas Biehler, Dr. Karl-Robert Wichmann und ich. Wir kommen aus dem Ingenieurwesen und haben uns dort vor allem mit der numerischen Simulation biologischer Systeme, also zum Beispiel menschlicher Organe, beschäftigt. Unsere Expertise fußt auf über 15 Jahren dedizierter Forschung auf dem Gebiet der Lungenmechanik durch Professor Wall.

Sie kommen alle aus dem natur- bzw. ingenieurwissenschaftlichen Bereich. Fehlt da nicht noch die unternehmerische Expertise?
Dr. Müller: Ich würde die „unternehmerische Expertise“, so wichtig sie ist, nicht allzu hochhängen. Wenn man ein Unternehmen gegründet hat, lernt man vom ersten Tag an kontinuierlich dazu. Sicher ist es gut, wenn man zuvor schon einmal unternehmerische Erfahrungen gesammelt hat, aber es ist kein Muss. In unserem Team bin ich zum Beispiel seit zwei Jahren für das Business-Development zuständig und die Entwicklung unseres Start-ups ist bislang zumindest recht positiv zu bewerten.

Sie haben also erfolgreich auf die Methode „Learnig by doing“ gesetzt. Nichtsdestotrotz mussten Sie für den Start ins Unternehmerleben wissen, was in einen Businessplan gehört, was es mit Vertrieb und Marketing auf sich hat, wie die Finanzplanung aussieht usw. Wie haben Sie sich da eingearbeitet?
Dr. Müller: Zum einen habe ich Freunde und Bekannte, die teils sehr erfolgreich Unternehmen leiten, gegründet haben oder verantwortungsvolle Positionen innehaben. Die haben mir sehr geholfen. Zum anderen haben wir an Businessplan-Wettbewerben teilgenommen, wo wir uns sehr strukturiert und intensiv mit den wichtigsten unternehmerischen Fragen auseinandersetzen konnten. Vor allem die qualitativ sehr hochwertigen Seminare haben uns in den letzten eineinhalb Jahren massiv vorangebracht. Das kann man nicht anders sagen. Insbesondere unsere Teilnahme am Science4Life Venture Cup hat uns wirklich vorangebracht. Das mehrtägige Seminar am Ende des Wettbewerbs hat uns in vielerlei Hinsicht sehr geholfen, vom intensiven Coaching bis hin zur Interaktion mit den anderen Gründerteams.

An der TU München gibt es die Gründungsinitiative UnternehmerTUM. Im Rahmen von EXIST-Forschungstransfer gibt es darüber hinaus eine engmaschige Betreuung der Teams. Inwieweit war das hilfreich für Sie?
Dr. Müller: Die Betreuung durch die TU München hat uns geholfen. Nach einem, in unserem Falle, etwas holprigen Start wurden wir gut auf die Bewerbung für EXIST-Forschungstransfer vorbereitet. Auch danach gab es viele Möglichkeiten, sich mit Hilfe der Angebote der UnternehmerTUM weiterzubilden. Die nehmen wir gerne in Anspruch, wenn sich ein Thema anbietet.

Wo steht Ihr Unternehmen jetzt? Wie hat sich das Start-up seit der Gründung entwickelt?
Dr. Müller: Man muss unterscheiden zwischen der Phase vor Covid-19 und jetzt. Der Grund, warum wir relativ früh die Ebenbuild GmbH gegründet haben, war der Auftrag eines großen Medizintechnikherstellers. Damit hatten wir ein zweites Standbein neben unserem eigentlichen Unternehmensziel – der Weiterentwicklung und Vermarktung unserer digitalen Lunge. Seitdem die Covid-19-Pandemie ausgebrochen ist, steht nun die Lunge als Organ viel mehr im Fokus, so dass nun tatsächlich vieles sehr viel schneller vonstattengeht als zuvor. Kliniken und Ärzte möchten auch deshalb jetzt mit uns zusammenarbeiten, weil sie uns aufgrund ausdauernder Bemühungen und teils lang gepflegter Beziehungen bereits kennen.

Gab es denn auch Hürden, mit denen Sie nicht gerechnet hatten?
Dr. Müller: Für die klinische Validierung arbeiten wir mit Universitätskliniken zusammen. Es geht also darum, das Vertrauen dieser Kliniken zu gewinnen, um mit ihnen Zulassungsstudien durchzuführen und dadurch das Produkt zuzulassen. Unsere digitale Lunge ist ja noch nicht am Markt, und ein Start-up wie das unsere arbeitet im Grunde jahrelang darauf hin, im Rahmen von klinischen Studien die Wirksamkeit nachzuweisen und das Produkt auf den Markt zu bringen. Wir hatten erwartet – gerade, weil wir aus dem universitären Umfeld mit einem sehr guten Netzwerk kommen –, dass wir uns mit den Kooperationen leichter tun würden. Uns war in diesem Ausmaß nicht bewusst, dass im klinischen Umfeld gegenüber unternehmerischen Akteuren doch eine recht große Skepsis herrscht. Das war eine Hürde, die wir so nicht im Blick hatten.

Das heißt, den Kliniken wäre es lieber gewesen, wenn es sich um ein rein forschungs- und universitätsbasierte Vorhaben und nicht um ein Start-up gehandelt hätte?
Dr. Müller: Das Problem ist vielschichtig. Zum einen ist klar, dass es bürokratisch und verwaltungstechnisch komplizierter wird, sobald ein Unternehmen mit einem Universitätsklinikum zusammenarbeitet und in einem Bereich forscht, der den Umgang mit Patientendaten beinhaltet. Das ist zwar möglich, aber eben nicht Usus und deswegen ist der Aufwand deutlich höher als bei einem reinen Universitäts- oder Forschungsvorhaben.

Zum anderen herrscht vonseiten der Ärzte ein durchaus gesundes Maß an Skepsis, weil gegenwärtig extrem viele Start-ups von sich behaupten, mit ihren Produkten die nächste Revolution in der Medizintechnik einzuleiten. Hinzu kommt, dass die forschenden Medizinerteams an den Universitätskliniken unter dem hohen Druck der Doppelbelastung von Klinik und Forschung arbeiten. Sie haben oftmals schlichtweg keine Zeit. Das heißt, es ist schon eine große Herausforderung, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Kliniken davon zu überzeugen, dass es sich wirklich lohnt, sich die Zeit für das Gespräch mit einem Start-up zu nehmen.

Das heißt, Sie brauchen gute Argumente. Welche zum Beispiel?
Dr. Müller: Am wichtigsten ist, dass man auch als Nicht-Mediziner eine möglichst fundierte Wissensbasis vorweist. Wenn Mediziner den Eindruck gewinnen, dass sie einen fachlich ernst nehmen können, hat man die erste Hürde genommen. Des Weiteren müssen sie einen Anreiz in forschungstechnischer Hinsicht erkennen. Wenn für den Arzt, der das Vorhaben unterstützen soll, in puncto Forschung nichts bei herumkommt, ist das extrem schwierig. In dem Fall hieße die Alternative, Geld auf den Tisch zu legen, so wie es auch Pharmaunternehmen für diverse Studien tun. Aber das ist für ein Start-up nicht leistbar. Man muss also forschungsseitig interessant sein, sonst ist man raus.

Was auch hilft, ist das Renommée der Gründerinnen und Gründer. In unserem Fall zum Beispiel hilft es uns sehr, dass Professor Wall als Gründungsmitglied mit dabei ist. Er verfügt über einen hohen Bekanntheitsgrad in der klinischen Community. Das hat dazu geführt, dass wir mittlerweile eng mit Kliniken wie dem Klinikum rechts der Isar, den Universitätskliniken Mannheim, Dresden und Kiel sowie der Klinik der RWTH Aachen zusammenarbeiten. Die Zusammenarbeit ist sehr produktiv – für uns, aber auch für die Intensivmediziner vor Ort. Erste Kontakte bestehen außerdem zu den Universitätskliniken Marburg und Augsburg.

Kommen wir zur Finanzierung. Wie sieht es damit aus?
Dr. Müller: Wir haben relativ früh in unserer EXIST-Forschungstransfer-Phase gegründet und jetzt begonnen, mit Wagniskapitalgebern zu sprechen – also zehn, elf Monate bevor EXIST ausläuft – und nach einer geeigneten Anschlussfinanzierung zu suchen. Der Hightech-Gründerfonds ist da einer unserer ersten Ansprechpartner. Bei VC-Gesellschaften und privaten Investoren haben wir leider bisher die Erfahrung gemacht, dass der Entwicklungsstand unseres Produkts von uns und den Investoren sehr unterschiedlich wahrgenommen wird.

Wie sieht es aus mit dem Thema Patentierungen? Spielt das für Sie eine Rolle?
Dr. Müller: Das spielt für uns tatsächlich eine Rolle. Die TU München hat gerade eben einen ersten Patentantrag eingereicht. Wir sind die Erfinder, aber aufgrund des Arbeitnehmererfindungsgesetzes liegen die Rechte erst einmal bei der TU München. Wir werden aber mit der TU München und der Bayerischen Patentallianz verhandeln, um die IP für uns exklusiv nutzbar zu machen.

Warum?
Dr. Müller: Weil wir dann in Gesprächen mit Investoren diese IP als eigenes Asset einbringen können. Außerdem sind wir zweifelsfrei die Erfinder. Insofern möchten wir auch über die Verwertungsrechte verfügen.

Wie bereiten Sie sich auf die Verhandlungen vor?
Dr. Müller: Wir recherchieren sorgfältig und werden Patentanwälte, aber auch Rechtsanwälte, die sich mit IP-Fragestellungen befassen, konsultieren. Die Verhandlungen haben zwar noch nicht begonnen, aber wir haben von anderen EXIST-Teams erfahren, dass das sehr zähe Gespräche sein können, weil sehr unterschiedliche Interessenslagen und Motivationen aufeinandertreffen.

Das heißt, Sie müssen sich warm anziehen?
Dr. Müller: Das werden wir. Aber es gibt zum Glück schon eine größere Erfahrungsbasis, auf die wir zurückgreifen können. Vor allem in München gibt es sehr viele ehemalige EXIST-Forschungstransfer-geförderte Unternehmen, die das sehr gut hinbekommen haben. Mit denen stehen wir in Kontakt und werden uns entsprechend informieren.

Der Austausch mit anderen EXIST-Projekten ist wichtig. Welche Tipps haben Sie mitgenommen aus den Gesprächen, abgesehen vom IP-Thema?
Dr. Müller: Was ich mitgenommen habe, ist, dass jede Unternehmensgeschichte eine eigene ist und man keine Patentrezepte erwarten kann. Dafür ist jedes Projekt zu unterschiedlich. Was außerdem immer wieder beinahe mantrahaft wiederholt wurde: „Hör nicht zu sehr auf die Skeptiker.“ Ja, die sind wichtig, damit man die Erdung nicht verliert und Dinge entwickelt, die letztlich keiner braucht. Spannend wird es aber gerade und vor allem dann, wenn man das Gefühl hat, nicht mehr weiter zu wissen oder sogar befürchtet, ganz falsch zu liegen. Genau da passieren die wirklich interessanten Dinge. In den Bereich muss man sich vorwagen und versuchen, nach bestem Wissen und Gewissen zu operieren, selbst wenn man nicht alles beherrschen kann. Wer dagegen behauptet, alles im Griff zu haben, hat entweder die Herausforderung nicht angenommen oder er sagt nicht die Wahrheit.

Stand: Mai 2020

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