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GHOST- feel it. GmbH

Gründerinnen von GHOST-feel it. GmbH Laura Büchler und Isabella Hillmer
© Robert Greinacher

„Wir mussten oft eine andere Richtung einschlagen, aber ich denke, es hat sich gelohnt.“

Interview mit Isabella Hillmer

Egal, ob im Auto, am Computer oder Küchengerät: wenn sich technische Geräte bemerkbar machen, piept, klingelt oder blinkt es in der Regel. Das Start-up GHOST- feel it. sorgt nun dafür, dass es auch vibriert. Ein Softwaretool für Unternehmen sowie eine ganze Bibliothek an vibro-taktilen Mustern bieten Anwendungsbereiche in fast allen Branchen. Mit Unterstützung von Profund Innovation, dem Gründungsservice der Freien Universität Berlin, und EXIST-Gründerstipendium stehen Isabella Hillmer und Laura Büchler nun kurz vor dem Markteinstieg.

Frau Hillmer, Sie bieten ein Verfahren bzw. Produkt an, um technische Anwendungen für den Nutzer fühlbar zu machen. Um was geht‘s?
Hillmer: Es handelt sich um haptische User Interfaces zur Erweiterung der menschlichen Wahrnehmung. Dazu haben wir ein Produkt entwickelt, das aus zwei Komponenten besteht: Zum einen bieten wir eine Bibliothek mit vibro-taktilen Muster an und zum anderen stellen wir Unternehmen eine Entwicklungssoftware als Tool zur Verfügung.

Fangen wir mit der Bibliothek an. Was hat es damit auf sich?
Hillmer: Unsere Bibliothek enthält vibro-taktile Muster, die durch winzige Vibrationsmotoren erzeugt werden und in jedes beliebige Produkt integriert werden können, um dort bestimmte Vibrationsmuster zu erzeugen. Wir haben zum Beispiel für die Technische Universität Berlin im Rahmen eines Pilotprojekts einen Gürtel mit Vibrationsmotoren für das Training von Ruderern ausgestattet. Beim Rudern ist es wichtig, dass die Bewegung mit der Atmung koordiniert wird. Das heißt, den Ruderanfängern wurde gesagt, wann sie ein- und ausatmen müssen. Wir haben daher einen Gürtel entwickelt, der den Rudernovizen auf dem Rippenbogen angebracht wurde und ihnen durch entsprechende Vibrationen signalisiert hat, wann sie ein- und wann sie ausatmen müssen. Vibrationen können aber auch Navigationssysteme ergänzen, so dass der oder die AutofahrerIn zum Beispiel über eine Sitzauflage ein bestimmtes Vibrationsmuster spürt, das anzeigt, ob man rechts oder links abbiegen muss.

O.k. und wozu dient die Software, die zweite Komponente Ihres Produkts?
Hillmer: Wir befinden uns mit unserer Anwendung ja im Bereich der Haptik zwischen Hardware und Software. Das bedeutet, die Vibrationsmotoren müssen so programmiert werden, damit sie zu dem jeweiligen Produkt und Einsatzbereich passen. Das ist sehr speziell, und es gibt nur wenige Entwickler, die die notwendigen Anforderungen mitbringen und sowohl das Wissen über physiologische und neurologische Abläufe im menschlichen Körper als auch das notwendige ingenieurwissenschaftliche Know-how mitbringen. Wir haben daher eine Software entwickelt, mit der man ganz einfach per Drag-and-Drop ohne Programmierkenntnisse auch komplexe Schnittstellen bearbeiten kann. Mit diesem Werkzeug haben Unternehmen die Möglichkeit, ihre Produkte selbständig mit einem taktilen Feedback auszustatten.

Wie ist diese Idee entstanden?
Hillmer: Zu Beginn der EXIST-Förderung hatten wir zunächst eine ganz andere Idee. Wir wollten einen smarten Handschuh mit Vibrationsmechanismen für Menschen mit Nervenschädigungen in der Hand entwickeln. Meine Co-Gründerin, Laura Büchler, kommt ja aus der Medizintechnik. Sie hat Ingenieurswissenschaften und Medizintechnik studiert und war dann bei einem Sensorunternehmen im Produkt- und Projektmanagement beschäftigt. Ich komme aus der Psychologie und Neurowissenschaft und habe mich dann auf Industriedesign und Medizintechnik spezialisiert. Von daher hatten wir diesen medizintechnischen Fokus. Aber während der EXIST-Phase haben wir erkannt, dass das Potenzial unserer Idee beziehungsweise der Markt für haptische Anwendungen viel größer ist.

Das hört sich vielversprechend an. Hat sich GHOST – feel it seit der Gründung im Frühjahr 2019 entsprechend gut entwickelt?
Hillmer: Das erste Jahr war hart, aber das ist normal. Gut war auf jeden Fall, dass wir durch Profund, dem Gründungsservice der Freien Universität, unterstützt wurden. Zum einen können wir hier immer noch die Räumlichkeiten nutzen, zum anderen wurde uns Professor Tim Conrad als Mentor zur Seite gestellt. Außerdem wurden wir sehr vielen hilfreichen Ansprechpartnern vorgestellt. Das waren insofern gute Startbedingungen. Darüber hinaus wurden wir bis Ende Dezember 2019 über EXIST-Gründerstipendium finanziert.

Aber mit dem Auslaufen der Förderung standen wir vor der Herausforderung, Umsätze zu erzielen, um letztlich auch Investoren an Bord zu holen. Die Teilnahme am APX Axel Springer Porsche Accelerator hat uns da auf jeden Fall nochmal weitergebracht, weil wir uns auf Pitches vorbereiten und einige Investoren kennenlernen konnten. Außerdem haben wir uns bereits an einigen Projekten, vor allem in der Automobilindustrie, beteiligt und darüber erste Umsätze erzielt. Eigentlich wollten wir diesen Boost nutzen, um verstärkt auf den Markt zu gehen und Investments einzusammeln. Aufgrund von Corona sind aber dann doch einige Projekte gecancelt worden, so dass unsere Einnahmen massiv eingebrochen sind. Insofern mussten wir unsere Sales-Strategie stark anpassen, denn die Automobilbranche wird wahrscheinlich bis auf weiteres eher zurückhaltend sein. Das heißt, wir sind gerade dabei, uns nach Anwendungsbereichen in weiteren Branchen umzusehen und konnten auch schon erste Kontakte knüpfen.

Haben Sie Fördermittel beantragt?
Hillmer: Ja, wir haben Mittel aus dem Berliner Programm zur Förderung von Forschung, Innovationen und Technologien ProFIT beantragt und erhalten voraussichtlich in Kürze eine Zusage. Das hilft uns massiv, die Zeit zu überbrücken bis wir unsere Investment-Runde starten können. Außerdem haben wir die Corona Soforthilfe für KMUs in Anspruch genommen. Die waren innerhalb von zwei, drei Tagen auf dem Konto. Das war natürlich großartig.

Unabhängig von Corona - welche Hürden waren denn während der Gründungsphase tatsächlich überraschend für Sie?
Hillmer: Zu Beginn unseres Gründungsabenteuers habe ich mal einen Vortrag gehört, in dem hieß es: „Multiplizieren Sie jeden Posten in Ihrer Zeitplanung mal 2,5. Dann sind Sie auf der sicheren Seite.“ Das habe ich damals gar nicht nachvollziehen können. Mittlerweile kann ich das nur unterschreiben. Es ist tatsächlich so, dass alles viel länger dauert als man gedacht hat – aber letztlich fällt das gar nicht so auf, weil die Zeit wahnsinnig schnell vergeht.

Gibt es denn auch Dinge, die Sie rückblickend vielleicht doch anders gemacht hätten?
Hillmer: Ich glaube, dass die Fehler, die wir gemacht haben, uns letztlich weitergebracht haben und insofern gut waren. Sie haben uns nicht vor unlösbare Situationen gestellt, sondern eher zu unserer persönlichen Weiterentwicklung beigetragen. Das bedeutet, wir haben gelernt, auch mit schwierigen Situationen umzugehen. Deswegen würde ich sagen: Ja, natürlich haben wir viele Dinge getan, die wir hätten anders machen können, aber ich kann nicht sagen, ob wir heute besser dastehen würden, wenn wir es anders gemacht hätten.

Und wie sehen Ihre nächsten Schritte aus?
Hillmer: Wir haben den Lockdown während Corona dazu genutzt, die Produktentwicklung weiter voranzutreiben – sozusagen im stillen Kämmerlein. Im nächsten Schritt gehen wir an die Beta-Testungen und danach stehen Marketing und Vertrieb im Vordergrund. Außerdem planen wir gegen Ende diesen oder Anfang nächsten Jahre unsere Seed-Investmentrunde zu schließen und den Produkt-Launch zu starten.

Zu guter Letzt: Welche Tipps würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben?
Hillmer: Durchhaltevermögen ist auf jeden Fall wichtig. Dabei sollte man aber auch wissen, bei welchem Produkt oder in welcher Branche es sich am meisten lohnt, weiter Energie hineinzustecken. Das heißt, man muss abwägen, flexibel sein und keinen Umweg scheuen. Wir mussten zum Beispiel oft eine andere Richtung einschlagen, aber ich denke, es hat sich gelohnt.

Stand: Juni 2020

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