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HygNova GmbH

Dr. med. Ehsan Khaljani, Theresa Ebeling und Simon Slama Dr. med. Ehsan Khaljani, Theresa Ebeling und Simon Slama
© HygNova GmbH

„Es ist sinnvoll, zunächst möglichst schnell einen Prototypen herzustellen, um die Kaufbereitschaft am Markt zu testen, anstatt den Schwerpunkt auf die perfekte Entwicklung zu setzen.“

Interview mit Dr. med. Ehsan Khaljani

Infektionen durch multiresistente Keime in Krankenhäusern sind für Patienten ein zunehmendes Risiko. Das Gründungsteam der HygNova GmbH hat daher ein Verfahren entwickelt, das mittels Künstlicher Intelligenz die Händedesinfektion in Krankenhäusern verbessern soll.

Herr Dr. Khaljani, Sie bieten ein Hygienemonitoring für Krankenhäuser, Praxen und andere Gesundheitseinrichtungen an. Wie funktioniert das?
Dr. Khaljani: Das System besteht aus zwei Komponenten. Da gibt es zum einen die Sensoren in den Desinfektionsmittelspendern. Sie werden in allen Spendern, die sich in den Patientenzimmern und Behandlungsräumen befinden, installiert. Das Sensorsystem misst zum Beispiel, wie viel Flüssigkeit zu welchem Zeitpunkt verbraucht wurde. Darüber hinaus zeigt es an, wann der jeweilige Spenderbehälter nachgefüllt werden muss.

Die zweite Komponente besteht aus Bewegungssensoren. Jedes Patientenbett bekommt einen eigenen Sensor, der in der Synergieleiste oberhalb des Bettes installiert und dann per Handy über W-LAN angemeldet wird. Auf diese Weise können wir innerhalb von zwei Minuten ein Patientenzimmer smart machen.

Das Personal selbst trägt keine Sensoren am Körper?
Dr. Khaljani: Nein, ich weiß aus eigener Erfahrung als Arzt, dass jedwede tragbare Sensorik und die damit verbundene Erhebung persönlicher Daten vom Personal nicht toleriert wird. Deswegen haben wir – übrigens in enger Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern eines großen Krankenhauses im Land Brandenburg – eine Lösung entwickelt, die rund um die Uhr Kennzahlen liefert und dabei auf anonyme Daten zurückgreift.

Um welche Daten handelt es sich dabei?
Dr. Khaljani: Die von uns entwickelte Sensortechnologie erkennt sofort, wenn eine Person ein Patientenzimmer betritt. Sie erkennt, ob die betreffende Person ihre Hände desinfiziert und danach die erforderlichen 20 bis 30 Sekunden wartet, bevor sie mit dem Patienten Kontakt aufnimmt.

Kurz gesagt, kann unser System anhand der Bewegungsdaten erkennen, ob die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen fünf Momente zur Händedesinfektion eingehalten werden. Das ist bisher weltweit einmalig. Es lässt sich also feststellen, ob die Hände vor dem Patientenkontakt desinfiziert wurden oder vor Durchführung einer septischen Tätigkeit, also zum Beispiel bei Verabreichung einer Spritze. Weitere Anlässe zur Desinfektion wären nach dem Kontakt mit Flüssigkeiten des Patienten, zum Beispiel beim Wechsel des Katheterbeutels, oder auch nach dem Kontakt mit einem Patienten und seiner unmittelbaren Umgebung, wie beispielsweise dem Nachttisch.

Die von uns zentral erfassten Daten stellen wir dem Qualitätsmanagement oder Hygienemanagement des jeweiligen Krankenhauses zur Verfügung. Auf der Grundlage können dann die Prozesse optimiert und das Personal zum Beispiel nachgeschult werden.

HygNova ist nicht Ihr erstes Unternehmen. Offensichtlich wechseln Sie gerne mal die Rolle zwischen Arzt und Unternehmer?
Dr. Khaljani: Da haben Sie recht. Ich habe nach meinem Studium zwei Jahre als Arzt in einer Klinik gearbeitet und dann ein Software-Unternehmen gegründet, das ein E-Learning-Format für Mediziner und Medizinerinnen anbietet. Das Unternehmen ist nach wie vor sehr erfolgreich. Nach eineinhalb Jahren bin ich aber wieder zurück in die Klinik gegangen, um meinen Facharzt für Urologie zu machen. Während meiner klinischen Tätigkeit wurde ich dann immer wieder mit dramatischen Krankenhausinfektionen konfrontiert. Bei ausführlicher Recherche zu der Thematik wurde klar, dass es sich dabei nicht nur um tragische Einzelfälle handelt. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene schätzt, dass es 500.000 Krankenhausinfektionen und 15.000 Tote jährlich in Folge von Krankenhausinfektionen gibt. Krankenhausinfektionen stellen durch die Zunahme von multiresistenten Keimen ein zunehmendes Risiko dar. Hinzu kommen immense Kosten, die den Krankenhäusern und Krankenversicherungen durch die Behandlung der Infektionskrankheiten entstehen.

Insgesamt handelt es sich also um ein gravierendes Problem, so dass es mich gereizt hat eine Lösung dafür zu finden. Damit fiel der Startschuss für HygNova. Wir wollen mit unserem interdisziplinären Team und unserer innovativen Technologie einen Beitrag dazu leisten, die Infektionsrate in Krankenhäusern nachhaltig zu senken.

Wie sind Sie bei der Zusammenstellung Ihres Teams vorgegangen?
Dr. Khaljani: Für die Produktentwicklung habe ich Simon Slama, einen erfahrenen Software-Entwickler aus meinem alten Unternehmen „an Bord geholt“. Für die Außenkommunikation ist Theresa Ebeling zuständig. Sie hat Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studiert und versteht es, das sensible Thema Hygiene mit den Ärzten und Pflegekräften zu kommunizieren. Ich selbst habe nicht nur Medizin studiert, sondern auch einen MBA im Gesundheitsmanagement absolviert, so dass ich die medizinische und die wirtschaftliche Seite im Gesundheitssektor abdecke.

Neben den drei Gründern gehören aktuell noch vier Mitarbeiter zum Team. Wir setzen bei HygNova eher auf wenige, aber dafür umso erfahrenere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das Unternehmen, das ich zuerst gegründet hatte, hat heute 150 Angestellte. Es hat sich gut entwickelt, aber dennoch fühle ich mich in einem kleinen, agilen Team einfach wohler.

Sie haben bereits ein Unternehmen gegründet. Hatten Sie bei der Gründung von HygNova dennoch mit neuen Herausforderungen zu tun?
Dr. Khaljani: Aber ja! Schon allein deswegen, weil ich in meinem ersten Unternehmen nicht die Geschäftsführung übernommen hatte. Außerdem lief bei der ersten Gründung vieles über Learning by Doing. Das wollten wir dieses Mal anders machen. Also haben wir uns systematisch mit dem Thema Fördergelder, Businessplan und so weiter auseinandergesetzt. Hinzu kommt natürlich auch, dass wir es bei HygNova mit einer ganz anderen Technologie zu tun haben. Wir haben es hier nicht nur mit einer softwarebasierten Lösung, sondern auch mit Hardware zu tun - mit Sensoren. Damit waren für uns ganz neue Fragen der Zertifizierung, der Produktion oder auch der Logistik verbunden.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Markteintritt?
Dr. Khaljani: Ehrlich gesagt, waren wir davon ausgegangen, dass es etwas schneller geht. Schließlich haben wir eine Technologie entwickelt, die einen deutlichen Mehrwert bietet und dazu auch noch kosteneffektiv ist. Das heißt, unser Desinfektions-Monitoring trägt deutlich dazu bei, dass Zahl der Infektionen sinkt. Dadurch fallen weniger Behandlungskosten an, so dass sich die Anschaffung unseres Produkts schnell amortisiert. Was wir aber nicht „auf dem Schirm“ hatten, sind die langwierigen Entscheidungswege in den Krankenhäusern. Von der Erstansprache bis zum unterzeichneten Vertrag können durchaus sechs Monate bis ein Jahr vergehen. Das ist für ein Start-up natürlich eine lange Zeit. Immerhin: Aktuell wird unser Hygienemanagement in vier Kliniken und über 40 Praxen im Regelbetrieb eingesetzt. Außerdem kooperieren wir zukünftig verstärkt mit Industriepartnern, wie zum Beispiel Desinfektionsmittel oder Dispenser-Herstellern. Wir bieten den Herstellern smarte Produktserien, die diese dann über ihr Netzwerk vertreiben.

Gibt es denn auch etwas, dass Sie rückblickend anders machen würden?
Dr. Khaljani: Wir würden rückblickend auf jeden Fall sehr viel schneller auf etablierte Technologien setzen. Am Anfang ist man Idealist und möchte alles selber produzieren, eine eigene Produktionskette aufbauen und erst, wenn alles perfekt ist, auf den Markt gehen. Aber das kostet im Endeeffekt viel zu viel Zeit. Wir haben gelernt, dass es sinnvoller ist, zunächst möglichst schnell einen Prototypen herzustellen, um die Kaufbereitschaft am Markt zu testen, anstatt den Schwerpunkt auf die perfekte Entwicklung zu setzen.

Und wie sieht die Zukunft aus?
Dr. Khaljani: Wir werden weitere Vertriebspartnerschaften mit in- und ausländischen Unternehmen eingehen und deren Produkte mit unserer Technologie digitalisieren. Da unsere Technik weltweit einsetzbar ist, werden wir unsere Aktivitäten zukünftig auch auf Märkte in Skandinavien, im Mittleren Osten, in den USA, China und Indien erweitern.

Welchen Tipp würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben?
Dr. Khaljani: Ich kann nur empfehlen, sehr viel Wert auf das Team zu legen und sich Leute zu suchen, mit denen man gerne zusammenarbeitet. Eine Unternehmensgründung ist für alle Beteiligten immer wieder mit Stress verbunden, von daher braucht es ein Team, das einen unterstützt und auch durch schwierige Zeiten begleitet. Wir profitieren zum Beispiel sehr davon, dass wir in jeder Hinsicht ein ganz gemischtes Team sind: Männer und Frauen mit und ohne Migrationshintergrund aus unterschiedlichen Fachrichtungen.

Stand: November 2018