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jetlite GmbH

Jetlite-Team v.l.n.r.: Toni Garrn, Dr. Achim Leder, Dr. Tanja Becker, Felix Brüggemann
© Birgit Klemt


„Man muss einen sehr langen Atem haben und darf nicht auf kurzfristige Gewinne hoffen.“

Interview mit Dr. Achim Leder

Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Schwindel: Wer per Langstreckenflug in eine andere Zeitzone fliegt, weiß in der Regel, wie sich ein Jetlag anfühlt. Doch die innere Uhr des Menschen lässt sich mit Hilfe von künstlichem Licht überlisten. Das Hamburger Start-up jetlite hat daher einen Algorithmus entwickelt, der die Beleuchtung in Flugzeugen steuert und damit Jetlag-Symptome reduziert.

Herr Dr. Leder, Licht gegen Jetlag. Wie funktioniert das?
Dr. Leder: Indem man mit bestimmten Lichteinstellungen die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin entweder reduziert oder aber unterstützt. Produziert der Körper weniger Melatonin, ist man wach und aktiv – und umgekehrt. Unser Algorithmus steuert daher den Blau- und Rotanteil sowie die Lichtintensität der Kabinenbeleuchtung in Abhängigkeit zur Flugrichtung, Flugdauer, den überflogenen Zeitzonen und weiteren Parametern. Das führt dazu, dass die innere Uhr der Fluggäste besser an die Zeitzone des Ziellandes angepasst wird. Im Ergebnis verursacht die Zeitumstellung dadurch weniger Probleme.

Die Idee ist im Rahmen eines Forschungsprojektes entstanden?
Dr. Leder: Ja, mein Doktorvater, Professor Jarek Krajewski, leitete damals an der Bergischen Universität Wuppertal ein Projekt im Bereich der Chronobiologie, einem relativ neuen Forschungsgebiet. Konkret ging es dabei um die Auswirkungen von Licht auf den menschlichen Körper beziehungsweise auf die innere Uhr des Menschen. Professor Krajewski war damals sehr interessiert daran, seine Forschungsergebnisse in die Praxis zu überführen. Als Wirtschaftswissenschaftler, der mehrere Jahre in der Luft- und Raumfahrtbranche gearbeitet hatte, war ich davon überzeugt, dass der Einsatz einer chronobiologisch wirksamen Beleuchtung sich vor allem auf Langstreckenflügen positiv für Fluggäste und Crew auswirken würde. Genau darüber ging es dann auch in meiner Dissertation.

War Ihnen damals schon klar, dass Sie damit den Grundstein für Ihr späteres Start-up legen würden?
Dr. Leder: Nein, ich wollte mich zwar irgendwann selbständig machen, aber nicht mit diesem Thema. Dass es dennoch dazu kam, habe ich eigentlich dem Bundeswirtschaftsministerium zu verdanken. Ich bin 2015 durch die Koordinatorin der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt, Brigitte Zypries, eingeladen worden, die Ergebnisse meiner Dissertation im Rahmen der Start-up-Night im Ministerium zu präsentieren. Als ich ihr sagte, dass ich gar kein Start-up habe, entgegnete sie kurz und knapp, dass ich doch auf jeden Fall eines gründen solle.

Und das haben Sie getan?
Dr. Leder: Ja. Hinzukam, dass wir - meine Studenten und späteren Mit-Gründer und ich - im Anschluss an die Präsentation eingeladen wurden, beim Airbus BizLab teilzunehmen. Knapp zwei Monate später, im Januar 2016, ging es dann auch schon los.

Was hat Sie dort erwartet?
Dr. Leder: Eine sehr gute Infrastruktur, jede Menge Know-how und Kontakte zu relevanten Partnern. Davon haben wir sehr profitiert. Nachdem wir im ersten Schritt die Ergebnisse meiner Doktorarbeit nochmals validiert hatten, haben wir darauf aufbauend die Beta-Version unseres Algorithmus programmiert und in einem realitätsgetreuen Modell einer Flugzeugkabine getestet und weiterentwickelt.
Hinzu kam, dass wir durch die Teilnahme an dem Accelerator einen viel besseren Zugang zu den Fluggesellschaften beziehungsweise Luftfahrtbranche bekommen haben. Man wurde als Start-up mit seinem Produkt einfach ernst genommen.

Wurde Ihnen damals auch das notwendige unternehmerische Know-how vermittelt?
Dr. Leder: In Teilen, ja. Wir haben beispielsweise mit Juristen von Airbus über IP-Rechte, Patentanmeldungen oder auch Haftungsfragen sprechen können. Im Wesentlichen haben wir aber das Seminarangebot an der TU Hamburg-Harburg genutzt, wo ja auch Startup Dock seinen Sitz hat.

Wie kam der Kontakt zum Startup Dock zustande?
Dr. Leder: Die Hamburger Start-up-Szene ist gut vernetzt und unterstützt sich gegenseitig. So kam auch der Kontakt zum Startup Dock, dem Gründungsnetzwerk der Hamburger Hochschulen, zustande. Nachdem wir an einem Bewerbungsverfahren teilgenommen und „angedockt“ hatten, haben uns die Mitarbeiter unter anderem erst einmal auf EXIST aufmerksam gemacht und uns bei der Antragstellung von EXIST-Gründerstipendium begleitet.

Was passierte während der EXIST-Phase?
Dr. Leder: Im Grunde haben wir EXIST dazu genutzt, unseren Algorithmus zu finalisieren und auf den Markt zu bringen. Das bedeutet, wir haben bereits während der Förderphase unseren ersten Kunden gewonnen – die größte deutsche Fluggesellschaft, die unser System inzwischen an Bord ihrer Langstreckenmaschinen implementiert hat.

Würden Sie sagen, dass es für Start-ups in der Luft- und Raumfahrtbranche besondere Herausforderungen beim Markteintritt gibt?
Dr. Leder: Definitiv. Man muss einen sehr langen Atem haben und darf nicht auf kurzfristige Gewinne hoffen. Wir hatten Glück, da unser erster Kunde sehr Start-up-affin ist. Aber daraus sind noch keine nachhaltigen Umsätze entstanden. Die Entwicklung und Zulassung neuer Produkte ist in der Luftfahrt einfach sehr langwierig aufgrund der Sicherheitsanforderungen. Bei der Weiterentwicklung unseres Produkts hin zu einer nachrüstbaren Hardware muss zum Beispiel geprüft werden, was durch die automatisierten Lichteinstellungen an Bord alles passieren könnte. Da gibt es vielfältige Szenarien. Was ist zum Beispiel, wenn das Flugzeug hart aufsetzt oder gar abstürzt und das Licht ausfällt? Wir haben es hier mit einer Null-Fehler-Toleranz zutun. Dessen muss man sich unbedingt bewusst sein, wenn man mit seinem Start-up in der Luftfahrtbranche einsteigen will. Viele Gründer geben nach ein paar Monaten oder spätestens nach zwei Jahren wieder auf, weil sie das Gefühl haben, dass sie nicht weiterkommen. Da kann ich nur empfehlen: Dranbleiben.

Wie sieht es denn generell mit der Bereitschaft der Fluggesellschaften aus, auf Start-ups zuzugehen?
Dr. Leder: Da haben wir unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Ein großes Thema ist die Frage nach der „Lebenserwartung“ der jungen Unternehmen. Das heißt, man wird immer wieder gefragt, was passiert, wenn das Unternehmen die ersten fünf Jahre nicht überlebt. Wer ist dann der Ansprechpartner? Auf diese Fragen sollte man vorbereitet sein. Ein gutes Argument ist dabei auf jeden Fall eine solide Finanzierung, die man im Rücken haben sollte.

Wie hat sich Ihr Unternehmen seit der Gründung entwickelt?
Dr. Leder: Sehr gut. Wir stehen inzwischen auch im engen Kontakt mit zwei süddeutschen Automobilherstellern. Da geht es um die Frage, wie man als Fahrer eines autonom fahrenden Fahrzeugs während einer Ruhephase mit Hilfe von Licht wieder „aktiviert“ werden kann. Einen ersten Prototypen gibt es bereits.

Außerdem werden wir in Kürze einen Vertrag mit einer zweiten Fluggesellschaft abschließen. Der Kontakt kam übrigens über einen Flugzeughersteller zustande. Wenn dort heute jemand anruft und etwas über das Thema Licht und Jetlag-Reduzierung wissen möchte, wird er an uns verwiesen. Das freut uns natürlich sehr.

Aber Sie betreiben trotzdem noch eigene Akquise, oder?
Dr. Leder: Ja, klar. Wir haben eine Mitarbeiterin, die ausschließlich für den Vertrieb zuständig ist und tatsächlich eine Fluggesellschaft nach der anderen anspricht. Außerdem beteiligen wir uns an Messen. Im April waren wir in Hamburg auf der Aircraft Interiors Expo, AIX 2019, der weltgrößten Messe für Flugzeugkabinensysteme.

Inzwischen zeigt sich auch, dass sich unsere Ausdauer gelohnt hat. Jetzt, nach etwa drei Jahren, werden wir von immer mehr Unternehmen aus der Zulieferindustrie sowie von Fluggesellschaften angefragt, die sagen, „Mensch, das ist spannend, was ihr macht, wir könnten vielleicht mit euch zusammenarbeiten“. Das heißt, man kennt uns mittlerweile in der Branche. Wir arbeiten mit Hardware-Partnern zusammen, denen wir unseren Algorithmus per Lizenz zur Verfügung stellen, um ein gemeinsames Produkt zu entwickeln, das wir dann gemeinsam anbieten. Wir sind zum Beispiel gerade dabei, gemeinsam mit dem größten Hersteller für Flugzeugsitze ein Beleuchtungssystem zu entwickeln, das in den Sitzen integriert ist. Mit einem weiteren Unternehmen haben wir den jetlite-controller entwickelt, der autonom in Flugzeugen genutzt werden kann und an das Kabinen-Managementsystem angeschlossen wird. Und mit dem dritten Partner haben wir eine Lösung entwickelt, bei der sich die Beleuchtung in der Innenwand des Flugzeugs befindet.

Wir haben noch gar nicht über das Gründungsteam gesprochen. Das hat sich ziemlich verändert, oder?
Dr. Leder: Ja, ursprünglich waren wir zu Dritt. Die beiden, die EXIST erhalten haben, sind nicht mehr mit dabei. An deren Stelle sind Dr. Tanja Becker, Dr. Felix Brüggemann und Toni Garrn getreten. Tanja ist Pilotin für Langstreckenflüge, hat ihre Dissertation zum Thema Jetlag-Bestimmung an der Charité in Berlin geschrieben und Luftfahrt-Systemtechnik studiert. Felix ist promovierter Betriebswirt und Marketingfachmann. Und Toni ist ein international gefragtes Model und gehört mit 70 bis 80 Langstreckenflügen pro Jahr zu den absoluten Vielfliegerinnen. Ihre Erfahrungen sind wichtig für uns, um unser Angebot kontinuierlich zu verbessern.

Wie sehen Ihre nächsten Schritte aus?
Dr. Leder: Im August steigen zwei Business Angels bei Jetlite ein, etwas später kommt - wenn alles gut läuft - noch ein größerer Investor dazu. Wir haben das Glück, dass wir ein gutes Netzwerk haben. Das liegt zum einen am Standort Hamburg und zum anderen an der Aufmerksamkeit, die wir durch die Medien erfahren. Dabei kommt uns zugute, dass wir ein Produkt anbieten, das für Journalisten leicht zu verbreiten ist. Viele haben selbst schon einmal einen Jetlag erlebt. Deshalb wird viel über uns geschrieben.
Alles in allem haben wir sehr viele Unterstützer. Und wir haben sehr viel Glück gehabt. Das ist uns sehr bewusst.

Ohne Glück geht es nicht, aber es gibt sicher auch ein paar handfeste Tipps, die Sie anderen Gründern geben können.
Dr. Leder: Sehr wichtig ist es, ein Netzwerk aufzubauen – und das auch ernst zu nehmen. Also nicht einfach Visitenkarten entgegennehmen und sich vielleicht ein Jahr später wieder melden, wenn es gerade passt, sondern zum Beispiel ein Follow-up nach dem ersten Zusammentreffen schreiben. Außerdem: EXIST beantragen - nicht nur des Geldes wegen, sondern auch wegen des Know-hows.

Die Teilnahme an einem Accelerator kann sinnvoll sein. Für uns hat es sich auf jeden Fall gelohnt. Da es aber eine ganze Reihe von Acceleratoren unterschiedlicher Anbieter gibt, sollte man sich schon genau fragen, welche Vorteile einem eine Teilnahme bietet. Vorsicht ist angesagt, wenn der Anbieter quasi Ideen von Start-ups für sein eigenes Unternehmen „absaugen“ möchte und keine nachhaltige Verwendungsmöglichkeit für das Produkt anbietet. Von daher sollte man sich die Angebote im Detail anschauen.

Wichtig ist auch, bei der Arbeit auf das richtige Verhältnis zwischen Marketing und Produktentwicklung zu achten. Weder darf man nur inhaltlich arbeiten und dabei die Vermarktung vergessen, noch sollte man ausschließlich ans Marketing denken und die Produktentwicklung vernachlässigen.

Ich denke, das sind so die wichtigsten Punkte – und natürlich Spaß dabei zu haben.

Stand: Juni 2019

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