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LiGenium GmbH

LiGenium GmbH v.l.n.r.: Christoph Alt, Dr. Sven Eichhorn, Dr. Ronny Eckardt und Angela Grimmer
© Janko Mauksch (Fotograf)

„Ich würde empfehlen, möglichst früh zu gründen. Vor allen Dingen, wenn man sich in einem sehr konservativen Marktumfeld bewegt.“

Interview mit Christoph Alt

Wer denkt beim Thema Maschinenbau schon an Holz. Bislang jedenfalls wird der Werkstoff in der Branche so gut wie nicht eingesetzt. Das könnte sich zukünftig ändern. Denn Holz kann es mit Stahl in Sachen Belastbarkeit und Tragfähigkeit durchaus aufnehmen. Das haben die Arbeiten an der Technischen Universität Chemnitz gezeigt. Daraus hervorgegangen ist das Gründungsteam von LiGenium, das nun kurz davorsteht, die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Holzwerkstoffen im Bereich der Fördertechnik zu erschließen.

Herr Alt, Sie kommen aus dem Maschinenbau, arbeiten aber mit Holz. Eine ungewöhnliche Kombination.
Alt: Ungewöhnlich ja, aber erfolgversprechend. Wir nutzen Holz als Werkstoff für maschinenbautechnische Anwendungen im Bereich der Fördertechnik. Also zum Beispiel für Rollenbahnen, die fest installiert sind und in einer Werkshalle Produkte von A nach B transportieren. Besonders interessant sind für uns jedoch aktuell sogenannte Sonderladungsträger oder Werkstückträger, die beispielsweise in der Automobilindustrie eingesetzt werden. Sie wissen, dass die verschiedenen Komponenten, die für den Fahrzeugbau erforderlich sind, von unterschiedlichen Produktionsstandorten in ganz Europa an ein zentrales Werk transportiert werden, wo sie zu einem Fahrzeug zusammenmontiert werden. Motorhauben, die in der Slowakei hergestellt werden, werden beispielsweise nach Leipzig transportiert, wo die komplette Karosserie zusammengesetzt wird. Für den Transport werden die Motorhauben aber nicht einfach auf einen Lkw gelegt, vielmehr kommen spezielle Trägergestelle zum Einsatz. Im Fachjargon heißen die Sonderladungsträger. In diesen Sonderladungsträgern werden die Motorhauben beispielsweise zu jeweils 10 Stück sicher und platzsparend für den Transport zusammengestellt.

Diese Sonderladungsträger sind aus Stahl, oder?
Alt: Richtig. Und weil es sich um Stahlkonstruktionen handelt, haben sie ein sehr hohes Eigengewicht. Es ist teilweise bis zu acht oder zehn Mal höher als das Fördergut selbst, das damit transportiert werden soll. Das wirkt sich natürlich auf die Transportkosten aus. Je höher das Gewicht desto höher der Treibstoffverbrauch eines LKW.

Die von uns entwickelte Trägerkonstruktion ist dagegen über 50 Prozent leichter als eine konventionelle Stahlkonstruktion. Der Trick ist: Wir verwenden Holz, genauer gesagt hochwertige Holzwerkstoffe, die dem Einsatzfall durch eine spezielle Bauweise angepasst werden.

Und wie sieht es da mit der Belastbarkeit aus?
Alt: Sehr gut. Die Tragfähigkeit kann im Einzelfall sogar noch etwas höher sein und die Steifigkeit bzw. die Verformung bei Beanspruchung ist genauso groß wie bei einer Stahlkonstruktion. Auch die Anwendungsdauer kann sich sehen lassen.

Holz ist ein unglaublich vielfältiger und belastbarer Werkstoff. Das ist leider in den letzten Jahrzehnten etwas in Vergessenheit geraten. Dabei kann der Werkstoff sehr viel mehr, als man gemeinhin meint. Das ist nicht zuletzt das Ergebnis der Forschungsgruppe „Anwendungstechnik erneuerbarer Werkstoffe“ [https://www.tu-chemnitz.de/mb/FoerdTech/aew/aew_start.php], an der Dr. Sven Eichhorn, Dr. Ronny Eckardt und ich beteiligt waren. Ins Leben gerufen hatte diese Forschungsgruppe Professor Dr. Klaus Nendel an der Fakultät für Maschinenbau der TU Chemnitz. Er hatte dort die Professur Fördertechnik inne und bereits vor 15 Jahren die Idee, Holz in der Bergbau-Fördertechnik einzusetzen. Hintergrund ist, dass in Kali- oder Salzbergwerken eine sehr korrosive Umgebung herrscht. Die eingesetzten Metalle rosten also verhältnismäßig schnell. Im Rahmen unserer langjährigen Forschungsarbeit haben wir uns daher intensiv mit den Anwendungsmöglichkeiten von Holz als Werkstoff in der Industrie auseinandergesetzt. Dessen vielfältigen und positiven Eigenschaften haben uns so überzeugt, dass wir nun im Ergebnis unser Know-how mit Unterstützung von EXIST Forschungstransfer [https://www.exist.de/DE/Programm/Exist-Forschungstransfer/inhalt.html] auf dem Markt verwerten.

Die Holzwerkstoffe stellen Sie selbst her?
Alt: Nein, die kaufen wir zu, wobei wir darauf achten, dass die Hölzer aus nachhaltiger Forstwirtschaft innerhalb Europas kommen. Wir beziehen die unterschiedlichen Holzwerkstoffe über unsere Lieferanten und Holzwerkstoffhersteller in den Materialstärken die wir benötigen. Im Einzelfall geben wir den Lagenaufbau der Holzwerkstoffe vor. Das ist übrigens ein wesentlicher Vorteil. Beim Stahl kann man keine individuellen Legierungen in geringen Mengen ordern. Das wäre viel zu teuer. Aber im Holzwerkstoffbereich ist das durchaus möglich, so dass wir individuelle Lösungen für Kunden entwickeln können. Benötigt ein Fahrzeughersteller oder Zulieferer einen Sonderladungsträger oder eine andere Fördertechnik, ist es unsere Aufgabe, eine entsprechende Konstruktion zu entwickeln, CNC-gesteuert zu bearbeiten, zu montieren und aufzubauen.

Wie hat sich Ihr Unternehmen seit der Gründung entwickelt?
Alt: Wir haben die LiGenium GmbH während der Phase I von EXIST-Forschungstransfer, im Februar 2018, gegründet und frühzeitig mit dem Vertrieb angefangen. Das war auch gut so, denn unser Produkt ist nicht so einfach zu erklären. Dazu braucht man Zeit.

Haben Sie bereits erste Kunden?
Alt: Wir stehen mit unterschiedlichen Automobilherstellern in Kontakt und starten aktuell mit der ersten Pilotanwendung. Dabei werden wir Gestelle für Transportwagen für ein innerbetriebliches fahrerloses Transportsystem entwickeln. Wir werden also die bisherigen Gestelle aus Stahl durch eine modulare Leichtbaukonstruktion in Holzbauweise ersetzen.

Es scheint, als ob alles nach Plan läuft.
Alt: Im Groben und Ganzen ja. Uns ist bewusst, dass die Maschinenbaubranche eher konservativ ist und Innovationen langsam umgesetzt werden. Wenn man da als Start-up mit einer neuen Idee in den Markt einsteigt, dauert es einfach, bis man in der Branche als eigenständiges und ernstzunehmendes Unternehmen wahrgenommen wird. Obwohl wir frühzeitig gegründet haben, denke ich manchmal, dass wir den Gründungszeitpunkt noch weiter hätten vorziehen sollen. Allerdings ist der Gründungsprozess recht aufwändig. Das braucht alles seine Zeit.

Wie sieht es mit der Unterstützung durch die TU Chemnitz aus?
Alt: Ich muss sagen, die TU Chemnitz ist sehr motiviert, Start-ups wie uns zu unterstützen. Gemeinsam mit der Sächsischen Aufbaubank betreibt die Hochschule zum Beispiel das TUClab [https://www.tu-chemnitz.de/transfer/tuclab/]. Diesen Gründerpreis haben wir im Jahr 2018 gewonnen. Dabei profitieren wir unter anderem von der zusätzlichen Startfinanzierung durch die Sächsische Beteiligungsgesellschaft. Dazu muss man wissen, dass Start-ups im Maschinenbau für viele Investoren aufgrund der vergleichsweise geringen Skalierbarkeit erst einmal nicht so interessant sind. Wir sind eher langfristig angelegt mit einem moderaten Wachstum, wie es für den Markt typisch ist. Von daher ist es gut, zunächst auf öffentliche Förderinstrumente zurückgreifen zu können.

Welche Aufgaben stehen als Nächstes an?
Alt: Sobald wir den Auftrag bei unserem Pilotkunden abgeschlossen haben, widmen wir uns in diesem Jahr noch drei, vier anderen Projekten in der Automobilindustrie. Dann wissen wir, ob und in welchem Zeitraum wir mit größer geordneten Serienaufträgen rechnen können, so dass wir auf Basis dieser Erkenntnisse einen exakten Wachstumsplan aufstellen können.

Bislang steht, neben der Bearbeitung der transferrelevanten Entwicklungs-aufgaben weiterhin der Ausbau des Vertriebs und des Marketings im Vordergrund. Momentan übernehmen wir den Vertrieb noch selbst. Das hat den Vorteil, dass wir mit potenziellen Kunden sehr intensiv über unsere Lösungen im Zusammenhang mit derer Anforderungen sprechen können. Perspektivisch wollen wir dann auf Basis dieser Erkenntnisse ein Grundmodul-Portfolio entwickeln, so dass auch zukünftig weitere interne Vertriebler und eventuell externe Vertriebsdienstleister in der Lage sind, unsere Produkte zu präsentieren.

Welche Tipps würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben?
Alt: Ich würde empfehlen, möglichst früh zu gründen. Vor allen Dingen, wenn man sich in einem sehr konservativen Marktumfeld bewegt. Da ist der erste Kunde der beste Investor, weil er mit einem zusammen eine marktfähige Lösung entwickeln kann mit der er selbst einen Mehrwert erreicht. Das ist die beste Voraussetzung, um organisch zu wachsen. Im ersten Schritt muss man dafür natürlich erst einmal geeignete Kunden kennenlernen. Das bedeutet, auf potenzielle Kunden zugehen, Multiplikatoren finden, Vorträge auf Veranstaltungen halten und den Vertrieb aufbauen.

Hinzu kommt: Wenn man im Maschinenbau eine Förderung wie beispielsweise EXIST-Forschungstransfer beantragt, ist es doch relativ schwierig, im Vorfeld den Markt abzustecken. Das heißt, es ist von großem Vorteil einen Branchenkenner an Bord zu haben, damit man überhaupt erst einmal die Marktdaten bekommen bzw. den Markt grob skizzieren kann, um ein valides, erfolgversprechendes Geschäftsmodell zu beschreiben. Man sollte also frühzeitig nach geeigneten Partnern Ausschau halten. Am besten sind meiner Erfahrung nach Mentoren, mit denen man gemeinsam die Marktchancen sorgfältig ausloten kann. Ohnehin würde ich mich eher auf die Suche nach einem guten Mentor aus der Maschinenbaubranche als auf die Suche nach einem Coach zur Geschäftsmodellentwicklung konzentrieren. Ich fand es schwierig, einen Coach zu finden, der sich wirklich in der Branche auskennt. Hinzu kommt: Mentorinnen oder Mentoren haben nach unserer Erfahrung oftmals ein persönliches Interesse, ihre Erfahrungen und ihr Wissen, das sie über viele Jahre erworben haben, an die nächste Generation weiterzugeben. Dieses Wissen sollte man wirklich nutzen.

Stand: März 2019

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