Navigationsbereich

Sie befinden sich hier:

munevo GmbH

Aashish Trivedi, Konstantin Madaus, Deepesh Panday, Claudiu Leverenz (von Links) Aashish Trivedi, Konstantin Madaus, Deepesh Panday, Claudiu Leverenz (von links)
© munevo GmbH

„Die Gespräche mit den Patient/-innen haben uns geholfen, das Produkt nach den Bedürfnissen dieser Menschen zu entwickeln.“

Interview mit Claudiu Leverenz

Nicken und losfahren. Das ist, vereinfacht gesagt, das Basis-Produkt der munevo GmbH, das fast komplett bewegungsunfähigen Rollstuhlfahrer/-innen ein neues Leben schenkt oder es zumindest deutlich vereinfacht. Die beiden Geschäftsführer und Gründer Claudiu Leverenz und Konstantin Madaus entwickelten zusammen mit anderen diese Steuerung, die es Rollstuhlfahrer/-innen ermöglicht, mittels spezieller Brille ihr Gefährt mit einer Kopfbewegung zu lenken. Mithilfe von EXIST-Gründerstipendium bauten der Wirtschaftsinformatiker Leverenz und der Maschinenbauer Madaus das Unternehmen auf. Inzwischen sind die Informatiker Deepesh Pandey und Aashish Trivedi mit an Bord. Und munevo DRIVE ist um einige Features gewachsen, die schwerstbehinderten Menschen ein selbstständigeres Leben ermöglichen sollen. Wir haben mit Claudiu Leverenz über die Herausforderung der Gründung und die Zukunft des Unternehmens gesprochen.

Herr Leverenz, oftmals haben Erfindungen wie die Ihre einen persönlichen Hintergrund, zum Beispiel ein Erlebnis im privaten Umfeld. Wie ist die Idee zu der Kopfsteuerung für Rollstühle entstanden?

Claudiu Leverenz: In unserem Fall sind wir durch ein Projekt an der TU München darauf gekommen. 2015 hatten wir das erste Mal die Möglichkeit, mit Google Glass – einer speziellen Smart-Brille des US-amerikanischen Unternehmens – zu arbeiten. Das Thema des Projekts war Mobilität. Eines unserer Team-Mitglieder hatte seinen Zivildienst in einem Heim gemacht, in dem viele Rollstuhlfahrer/-innen lebten. Dabei hat er gelernt, wie Rollstühle funktionieren und wie sie gesteuert werden. Viele Menschen konnten ihre Stühle nicht mit der Hand steuern, sondern brauchten eine spezielle Sonderlösung. Wir sind dann auf die Idee gekommen, Rollstühle über diese Google-Brille zu steuern. Aus dieser Idee ist mittlerweile ein kleines Unternehmen mit etwa 20 Mitarbeiter/-innen entstanden, mit dem wir schon mehr als 100 Menschen versorgt haben.

Sie stellen nicht den gesamten Rollstuhl her. Was genau sind Ihre Produkte?

Leverenz: In erster Linie bauen wir die Software. Aber nicht nur. Unsere Lösung besteht aus der Brille und einem kleinen Adapter, der in die Rollstühle verbaut wird. Auf diese beiden Teile wird Software gespielt, die wir entwickelt haben, damit Rollstuhl und Brille miteinander kommunizieren können. Die Brillen kaufen wir – noch – ein und statten sie mit der Software aus. Die gibt es, wie die Rollstühle auch, von verschiedenen Herstellern. Die Adapter fertigen wir selbst an. Das sind die Signal-Empfänger der Brille. Diese Art der Steuerung ist völlig neu. Wir nennen sie munevo DRIVE. Das ist unser Basis-Modul, auf dem wiederum eine Plattform aufsetzt, die beispielsweise auch das Handy steuern kann, den Computer, einen Roboterarm oder das Licht im eigenen Zuhause.

Mit welchem Brillenhersteller arbeiten sie zusammen?

Leverenz: Derzeit ist das noch Google Glass, aber wir sind gerade eine Partnerschaft mit Tooz eingegangen. Das ist ein Zusammenschluss der deutschen Telekom und Zeiss aus Jena. Die haben eine Smart Glass entwickelt, die wir gerade testen. Mit den ersten Ergebnissen sind wir sehr zufrieden. Damit hätten wir eine Alternative aus Deutschland zur Google Glass. Das wäre für uns als deutsches Unternehmen sehr gut.

Wie funktioniert Ihre Steuerung?

Leverenz: In den Smart Glasses sind zwei Sensoren verbaut. Darüber können wir die verschiedenen Kopfbewegungen messen, wie das Drehen und Neigen. Darauf aufbauend und auch anhand der bisher existierenden Lösungen, haben wir ein Konzept entwickelt, das es ermöglicht, den Rollstuhl in alle Richtungen zu steuern. Ein entscheidender Vorteil unseres Systems ist, dass man die verschiedenen Einstellungen selbst kalibrieren kann. Das dauert nur zehn Sekunden. Die Nutzer/-innen geben der Brille quasi vor, wie weit und schnell sie den Kopf bewegen. Das bedeutet auch, sobald sich etwas an der Beweglichkeit des Menschen oder der Einstellung des Rollstuhls ändert, kann die- oder derjenige das selbst anpassen und muss nicht warten, bis jemand vom Sanitätshaus mal Zeit hat vorbeizukommen. Außerdem kann man auch unsere anderen Produkte damit bedienen. Die Brille hat ein Menü, ähnlich einem Head-up-Display in modernen Autos. Dieses Menü kann man auch über Kopfbewegungen steuern und zwischen den verschiedenen Anwendungen hin und her wechseln. Die Brille liest einem das Menü sogar vor. Um die Grundlagen der Steuerung zu beherrschen, brauchen die meisten Fahrer/-innen etwa eine halbe Stunde. Nach ein bis zwei Tagen beherrschen die meisten das Gerät bereits perfekt.

Wer ist die Zielgruppe Wer sind Ihre Kunde?

Leverenz: Wir beliefern vor allem Sanitätshäuser, die Rollstühle an ihre Patient/-innen anpassen. Die vertreiben unsere Produkte mit, rechnen anschließend mit den Krankenkassen ab und zahlen uns dann aus. Das funktioniert bei Rollstühlen genauso. In seltenen Fällen sprechen uns die Hersteller der Stühle direkt an und bauen das schon vorher ein.

Wie groß ist der Markt in Deutschland und weltweit?

Leverenz: In Deutschland gibt es ungefähr 1,6 Millionen Rollstuhlfahrer/-innen, ein Drittel davon ist mit elektrischen Rollstühlen unterwegs. Wir gehen von etwa 10.000 Menschen aus, die für die Steuerung eine Sonderlösung brauchen. Der globale Markt wird mit etwa drei Milliarden US-Dollar beziffert. Wir haben unsere eigenen Berechnungen angestellt und von den Krankheiten aus gemessen. Es gibt drei Krankheitsbilder, auf die sich der Großteil unserer Kund/-innen verteilt: eine hohe Querschnittslähmung ab dem Hals abwärts, die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) und in Teilen die Multiple Sklerose. Dann gibt es einige Fälle von Muskeldystrophie und -atrophie. Vor allem ALS-Patient/-innen gelangen oft sehr schnell an den Punkt, wo sie ihre Hände nicht mehr bewegen können. Zu diesen Krankheiten gibt es valide statistische Zahlen. Wenn man das zusammenzählt, kommen wir auch auf einen milliardenschweren Markt.

Wie weit sind Sie denn schon auf dem internationalen Markt?

Leverenz: Vereinzelt haben wir schon ins Ausland verkauft, beispielsweise in die Schweiz, nach Österreich, Holland, Frankreich und Norwegen. Aber natürlich sind wird derzeit noch sehr stark auf Deutschland konzentriert, weil wir hier schon gut in das Gesundheitssystem integriert sind. In den anderen Ländern haben wir es bisher nur punktuell geschafft. Meistens kam das durch persönliche Anfragen von Menschen zustande, die unser Produkt irgendwo gesehen hatten. Wir wollten dann schnell reagieren und helfen. Aber wir sind noch nicht strategisch international aktiv. Wir haben jedoch gerade von der EU Fördergelder erhalten, um in die USA zu expandieren. Das bereiten wir gerade fürs nächste Jahr vor. Der US-Markt unterscheidet sich sehr von dem europäischen, weil die Leute dort wegen des schlechten Gesundheitssystems viel mehr selbst bezahlen müssen.

Wie sind Sie finanziert? Haben Sie schon Investor/-innen ins Unternehmen aufgenommen?

Leverenz: Wir haben mittlerweile sechs Investoren in drei Finanzierungsrunden akquiriert. Nachdem EXIST-Gründerstipendium ausgelaufen war, hatten wir Finanzierungsbedarf, weil unsere klinische Studie noch nicht fertig war. Zum Glück haben wir schnell drei Investoren gefunden. 2020 hatten wir eine weitere und in diesem Februar noch die dritte Runde. Wegen der Pandemie haben wir auch Unterstützung vom bayerischen Staatsministerium erhalten. Damit konnten wir den Umsatzeinbruch abfedern. Wir kamen nicht mehr in die Krankenhäuser und an die Patient/-innen, weil sie zur Risikogruppe gehören. Jetzt planen wir gerade die nächste Finanzierungsrunde. Die soll es uns ermöglichen, auch den europäischen Markt zu erobern.

Welche Rolle spielte EXIST für Ihren Start?

Leverenz: Das war das Wichtigste überhaupt. So konnten wir uns zu 100 Prozent auf unser Unternehmen fokussieren und mit unserem Team die Produkte weiterentwickeln. Ich selbst war zu jener Zeit mit meiner Masterarbeit schon fertig. Daher konnte ich mich zeitlich voll auf munevo konzentrieren. Ohne EXIST hätte ich nebenher noch viel mehr arbeiten müssen, weil ich die Miete nicht hätte bezahlen können, denn ich hatte keine Ersparnisse auf dem Konto. Und nur mithilfe der Sachmittelförderung von EXIST konnten wir beispielsweise die Brillen einkaufen und testen und die klinische Studie durchführen. Außerdem haben wir auch beratende Hilfe von EXIST bekommen, beispielsweise auf verschiedenen Workshops in Sachen Teambildung, aber auch, wie es weitergehen kann, wenn EXIST-Gründerstipendium ausgelaufen ist. Also Hilfe zur Selbsthilfe. Ohne die stünden wir heute nicht, wo wir jetzt stehen.

Was waren für Sie die größten Herausforderungen am Beginn?

Leverenz: Ganz eindeutig das Regulatorische, die bürokratischen Wege zu verstehen. Aber auch zu lernen, in welche Richtung wir uns und das Produkt genau entwickeln müssen. Konstantin Madaus und ich sind im ersten Jahr mehr als 60.000 km im Auto unterwegs gewesen. Wir haben mit potenziellen Nutzer/-innen gesprochen, mit Krankenhäusern, Kliniken und Sanitätshäusern und haben unser Produkt vorgestellt. Wenn man ein völlig neues Produkt auf dem Markt hat, ist das wahrscheinlich immer besonders schwierig. Selbst die Experten konnten das nicht richtig einschätzen, weil es eben so neu war. Die Zulassung an sich hat über ein Jahr gebraucht. Was das Business anging, war es nicht so schwierig. Ich hatte während meines Bachelors in Wirtschaftsinformatik einiges über Business Development gelernt, ebenso wie als Werkstudent bei einer Beratungsfirma. Und alles Weitere war dann Learning by doing. Auch unsere Investoren haben uns sehr bei diesem Thema geholfen.

Haben Sie gar keine strategischen Partner gesucht?

Leverenz: Doch. Wir haben anfangs mit mehreren Rollstuhlherstellern gesprochen. Aber die haben uns nur belächelt, es uns nicht zugetraut. Jetzt arbeiten wir mit fast allen Herstellen in Kooperationen zusammen. Viele wollten dann später gewisse Exklusivität. Aber das wollten wir dann nicht mehr. Wir wollten uns nicht die Zusammenarbeit mit den anderen verbauen.

Was würden Sie anderen Gründern raten, rückblickend betrachtet?

Leverenz: Ständigen Austausch mit den Stakeholdern. Es war essentiell für uns, mit Krankenkassen, Rollstuhlherstellern, Krankenhäusern und potentiellen Patient/-innen im ständigen Austausch zu sein. Dabei haben wir viel über das Business gelernt, auch übrigens über die Preisgestaltung. Die Gespräche mit den Patient/-innen haben uns geholfen, das Produkt nach den Bedürfnissen dieser Menschen zu entwickeln. Unsere Berater/-innen haben uns auch geraten, einfach zu machen. Wir überdenken oft zu viel. Machen, und aus Fehlern lernen, das war ein sehr wichtiger Ratschlag. Und der persönliche Kontakt: Weniger E-Mails schreiben, mehr persönliche Gespräche.

Was sind Ihre mittelfristigen Ziele?

Leverenz: Wir möchten in fünf Jahren der Marktführer bei Sondersteuerung von Rollstühlen sein. Nicht nur in Deutschland, sondern in Europa und den USA. Wir wollen künftig Komplettsysteme anbieten. Außerdem forschen wir gerade an Möglichkeiten, die Rollstühle mit den Augen oder irgendwann mittels Gehirnwellen zu steuern, also Human Brain Interfaces. Den ganzen Rollstuhl selbst zu produzieren, werden wir bis dahin wohl noch nicht schaffen. Aber das werden wir irgendwann auch noch in Angriff nehmen.

Wann, denken Sie, werden Sie profitabel sein?

Leverenz: Wenn wir nicht an den anderen Sachen arbeiten würden, könnten wir das nächstes Jahr schon sein. Im Moment stellen wir weitere Mitarbeiter/-innen im Entwicklungsteam ein, um die angesprochenen Technologien anzuschieben, dann brauchen wir weitere klinische Studien. Das kostet Geld. Aber wir wollen einfach noch weiterwachsen.

Stand: November 2021

Seite empfehlen: