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Pattarina GmbH

Martin Uhlig und Dr. Nora Baum Martin Uhlig und Dr. Nora Baum
© Pattarina

„Wenn wir es nicht machen, macht es keiner.“

Interview mit Dr. Nora Baum

EXIST-Au­dio­bei­trag: Ge­spräch mit Dr. No­ra Baum (mpg 4, 5 MB)

Kaum auf dem Markt, haben Dr. Nora Baum und Markus Uhlig mit ihrem Start-up Pattarina einen rasanten Start hingelegt. Mit ihrer App können Hobbyschneiderinnen und -schneider Schnittmuster direkt vom Handy auf den Stoff übertragen. Die Zeiten, in denen Papiervorlagen ausgeschnitten, angelegt und geklebt werden mussten sind damit vorbei. Mit ihrer Augmented-Reality-App hat die Ausgründung der Brandenburgischen Technischen Universität im September 2019 auch die Jury des Gründerwettbewerbs - Digitale Innovationen überzeugt.

Frau Dr. Baum, Sie haben eine App entwickelt, mit der man Schnittmuster direkt vom Handy auf den Stoff übertragen kann. Wozu braucht man das?
Dr. Baum: Ganz einfach, wenn man ein Kleidungsstück nähen möchte, braucht man immer ein Schnittmuster. Das ist quasi eine Blaupause, die einem sagt, wie der Stoff zugeschnitten werden muss. Solche Schnittmuster muss man heutzutage aus Zeitschriftenbeilagen abpausen. Das ist tatsächlich immer noch so, wie viele das von ihrer Oma kennen. Oder man druckt sich ein PDF-Dokument aus. Das können gerne mal 40 bis 80 Seiten sein, die man dann zu einem riesengroßen Papierteppich zusammenlegt, um die Formen auszuschneiden, die man dann als Schnittvorlage auf den Stoff legt. Also, Sie sehen schon: Das ist ein ziemlich aufwändiger Prozess. Das haben uns auch die vielen Hobbyschneiderinnen bestätigt, mit denen wir im Vorfeld unserer Gründung gesprochen haben. Etwa 80 Prozent sagten, dass ihnen diese Schnittmustervorbereitung am meisten auf die Nerven geht.

Für Ihre App verwenden Sie Augmented Reality. Was ist darunter zu verstehen?
Dr. Baum: Augmented Reality bedeutet erweiterte Realität. Dabei werden virtuelle Informationen in das reale Bild, das ich zum Beispiel durch meine Handykamera sehe, eingeblendet. Die bekannteste Augmented Reality Anwendung ist das Spiel Pokemon Go. Beim Blick durch die Handykamera sieht es so aus, als seien diese Pokemonfiguren direkt dort, wo man gerade steht, also zum Beispiel in einem Gebäude, auf der Straße oder einem Park. Ähnlich funktioniert es mit unserer App. Bei uns sieht man den Stoff, der vor einem auf dem Tisch liegt, und als virtuelle Zusatzinformation wird das Schnittmuster in der korrekten Relation zum Stoff eingeblendet. Das bedeutet, man braucht dann nur noch die virtuellen Linien auf den Stoff mit einem Stift oder mit Kreide zu übertragen.

Sie haben nicht direkt nach dem Studium gegründet, sondern waren zunächst berufstätig. Wie kam es zu der Entscheidung?
Dr. Baum: Ich hatte in Leipzig und Mannheim Soziologie, Politikwissenschaften und Betriebswirtschaft studiert und bin anschließend mit meinem Mann und unserem Kind wieder in unsere Heimatstadt Cottbus gezogen. Ich habe zunächst zwei Jahre bei einer internationalen Unternehmensberatung in Berlin gearbeitet und dann an der Brandenburgischen Technischen Universität, der BTU, zu E-Commerce und Digitalisierung von Handwerksleistungen promoviert. Anschließend bin ich wieder in meinen Hauptberuf bei der internationalen Unternehmensberatung in zurückgekehrt.

Nach drei Jahren war dann klar, dass ich meine Tätigkeit in der Unternehmensberatung aus familiären Gründen beenden wollte. Hinzu kam, dass ich als begeisterte Hobbyschneiderin schon länger die Idee hatte, dieses Problem mit den Schnittmustern zu lösen.

Und wie sind Sie dabei vorgegangen?
Dr. Baum: Zuerst habe ich mit einem Beamer experimentiert und einen ersten Prototyp auf einem kleinen Kreativmarkt vorgestellt. Ehrlich gesagt, hatte ich nicht mit einem so tollen Feedback gerechnet. Einige der Besucherinnen wollten das Gerät sofort kaufen. Aber trotz der positiven Resonanz fand ich den Beamer in der Handhabung immer noch zu umständlich und zu teuer.

Und dann hatten Sie auf einmal die Idee mit der App?
Dr. Baum: Genau. Der Grund dafür war, dass im Herbst 2017 zwei entscheidende Dinge passiert sind: Zum einen kam das ARKit von Apple heraus. Es handelt sich dabei um eine komplett neue Entwicklungsumgebung für Augmented Reality Anwendungen. Zum anderen lernte ich Markus Uhlig durch meine Doktormutter und seinen Doktorvater kennen. Markus hat Informations- und Medientechnik an der BTU Cottbus studiert und sechs Jahre lang an Softwarevisualisierungen und Computervisionen geforscht. Er war von meiner Idee, eine App für Schnittmuster zu entwickeln, sofort begeistert, nicht zuletzt, weil er auch noch andere Anwendungsmöglichkeiten sah.

Im Frühjahr 2018 haben wird dann zusammen als Gründungsteam richtig losgelegt und mit Hilfe von EXIST-Gründerstipendium den Prototyp unserer App entwickelt. Im Juni konnten wir unseren ersten Nutzertest starten und ab da hieß es dann für die nächsten Monate: drei Wochen entwickeln, eine Woche testen.

Sie haben EXIST-Gründerstipendium erhalten und wurden dabei durch die BTU unterstützt?
Dr. Baum: Ja, es gibt eine sehr gute Gründungsberatung an der BTU. Die hat uns nicht nur beim EXIST-Antrag geholfen, sondern uns auch danach bei den ganzen formalen Dingen mit dem Geld und den Abstimmungen mit der Uni unter die Arme gegriffen. Abgesehen davon gab es rund um die ganze Gründungsszene an der Uni eine Reihe von interessanten Angeboten. Die werden aktuell immer noch weiter ausgebaut.

Gibt es in Cottbus denn eine Start-up-Szene?
Dr. Baum: Sie entwickelt sich. Es gibt schon ein paar Start-ups im Dunstkreis der BTU oder auch etwas weiter davon entfernt. Wir kennen uns alle, von daher gibt es schon so eine kleine Szene. Die ist natürlich nicht mit Dresden, Leipzig oder Berlin vergleichbar. Aber ich würde sagen, es ist ein guter Anfang. Wenn man das Ganze noch ein bisschen mehr pusht, könnten hier tolle Ideen entstehen.

Sie sind seit August 2019 am Markt. Wie läuft es?
Dr. Baum: Gut. Wir haben über 10.000 Downloads und haben unfassbar viel zu tun. Wenn man mit einer App draußen ist, ist die ja noch lange nicht fertig. Uns erreichen jeden Tag Nachrichten von Nutzern, von wegen „hey, macht doch eine flexible Nahtzugabe“, „macht doch eine Auslegeplanung“, „macht doch bitte schnell dieses und jenes“. Es wird uns also nicht langweilig.

Die App ist kostenlos. Wo und wie erzielen Sie Ihren Umsatz?
Dr. Baum: Man kann die App und vier Schnittmuster kostenlos herunterladen. Weitere Schnittmuster können die Nutzerinnen dann bei den Designern, mit denen wir zusammenarbeiten, kaufen. Wir bekommen dann eine Provision für jeden Schnittmusterverkauf. Letztendlich rechnet sich das über die Masse der Nutzerinnen und Nutzer. Das ist wie bei jeder App.

Welchen Markt peilen Sie an?
Dr. Baum: Wir sind mit unserer App im deutschsprachigen Raum, also in der DACH-Region vertreten. Wir werden aber relativ schnell auch eine englischsprachige Version für den internationalen Markt anbieten. Dann müssen wir sehen, welche Sprachen noch dazu kommen. Russland hat zum Beispiel eine sehr große Näh-Szene, auch in Frankreich und im spanischsprachigen Raum ist das Thema recht groß.

Und wie sieht die Zukunft aus?
Dr. Baum: Wir haben eine Wundertüte voller Ideen, die wir noch umsetzen wollen. Wir werden natürlich noch mehr Schnittmuster anbieten, aber darüber hinaus werden wir auch die Abläufe weiter automatisieren und Features, die auf der Wunschliste unserer Nutzerinnen ganz oben stehen, entwickeln. Wenn wir damit durch sind, können wir uns gut vorstellen, das Prinzip unserer App auf weitere Anwendungsfelder zu übertragen. Was wir anbieten, ist ja die Übertragung von Mustern auf eine Unterlage. Das müssen nicht unbedingt Schnittmuster sein, denkbar sind auch andere Formen, die man zum Beispiel auf Papier, auf Holz oder auch einer Hauswand aufbringen will.

Was würden Sie anderen Gründerinnen und Gründer empfehlen? Was sollte man tun, was sollte man eher lassen?
Dr. Baum: Ich denke, wenn man gründet, ist es ganz wichtig, jeden positiven Moment zu genießen, ganz einfach, weil es auch viele Momente gibt, in denen es nicht so gut läuft. Man muss sich einfach darauf einstellen, dass es immer ein Auf und Ab geben wird. Anfangs dachten wir, wenn die App erstmal draußen ist, ist alles gut. Aber das war nicht so. Und so funktioniert es auch nicht, denn sobald man die eine Aufgabe gelöst hat, steht schon die nächste vor der Tür.

Aber wenn man das einmal verinnerlicht hat, macht es Mega-Spaß - viel mehr, als wenn man in einem Angestelltenverhältnis ist, wo man einfach nur mehr oder weniger das macht, was man tun soll. Ob es dann besser oder schlechter läuft, ist gar nicht so relevant. Als Unternehmerin ist man einfach deutlich näher dran an allen Fragen, die den Betrieb betreffen. Man muss nur einen entsprechenden Mindset dafür entwickeln. Dann kommt man gut damit klar.

Ansonsten kann ich nur empfehlen: Einfach machen. Bei uns war es so, dass niemand bisher Augmented Reality und Schnittmuster in Verbindung gebracht hatte, aber wir zeigen jetzt, dass das total gut zusammenpasst. Und mein Mitgründer Markus und ich sind mit unseren Kompetenzen und Erfahrungen genau das richtige Team dafür. Ich bin davon überzeugt: Wenn wir es nicht machen, macht es keiner. Das sollte man sich als Gründerin oder Gründer immer sagen, um bei der Stange zu bleiben und auch, um die nicht ganz so guten Zeiten zu überstehen.

Stand: Oktober 2019

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