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Peerox GmbH

Markus Windisch und Andre Schult Markus Windisch und Andre Schult
© Fraunhofer IVV, Foto: Timm Ziegenthaler

„Wir haben relativ früh einen industriellen Beraterkreis aufgebaut. Das hat sich bewährt.“

Interview mit Andre Schult

Das Erfahrungswissen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist für jedes Unternehmen ein wichtiger Erfolgsfaktor. Nur: Wie kann es trotz Fachkräftemangel und Personalfluktuation dem Betrieb erhalten bleiben? Mit dieser Frage haben sich der Maschinenbauingenieur Andre Schult und der Elektrotechnikingenieur Markus Windisch im Rahmen eines langjährigen Forschungsprojekts am Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung in Dresden beschäftigt. Dabei herausgekommen ist ein selbstlernendes Assistenzsystem für Maschinenbediener. Damit es den Weg in die Praxis findet, haben die beiden Wissenschaftler den Sprung ins Unternehmertum gewagt und im Juli 2019 mit Unterstützung von EXIST-Forschungstransfer die Peerox GmbH gegründet.

Herr Schult, Sie waren gemeinsam mit Ihrem Co-Gründer Markus Windisch in den vergangenen Jahren am Fraunhofer Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung IVV in Dresden an einem Forschungsvorhaben beteiligt, das ein selbstlernendes Assistenzsystem für Maschinenbediener entwickelt hat. Wie kam es dazu?
Schult: Wir haben uns seit vielen Jahren mit der Effizienz von Verpackungsmaschinen, insbesondere in der Lebensmittelproduktion beschäftigt, und dabei immer wieder festgestellt, dass es wenig zielführend ist, Menschen durch Maschinen zu ersetzen, nur weil sie als potenzielle Fehlerquelle gelten. Dazu ist das Erfahrungswissen von Menschen einfach zu wichtig. Das Forschungsvorhaben am IVV sollte daher die Frage beantworten, wie sich Erfahrungswissen digitalisieren und in der betrieblichen Praxis anwenden lässt. Wir haben uns damals an zweien von mehreren Teilprojekten beteiligt, um eine Lösung zu entwickeln, die – kurz gesagt - Künstliche Intelligenz und menschliches Verhalten kombiniert. Genauer gesagt, handelt es sich um ein selbstlernendes Bediener-Assistenz-System, das von Maschinenbetreibern genutzt und von Maschinenherstellern vertrieben wird.

Wie kann man sich die Software in der Praxis vorstellen?
Schult: Unsere Software läuft auf einem kleinen PC bei unserem Kunden und ist zum Beispiel mit einer Produktionsmaschine über eine Datenschnittstelle verbunden. Im Falle einer Störung analysiert das System den aktuellen Zustand der Maschine mit Hilfe von Algorithmen des Maschinellen Lernens und sucht nach ähnlichen Störungen, die bereits in der Vergangenheit aufgetreten sind.

Das zu diesen Störungen dokumentierte Wissen wird den Bedienern dann auf einem Tablet dargestellt. Durch Ablehnen, Bestätigen, Korrigieren und Ergänzen der bereits bestehenden digitalen Karteikarten wächst die Wissensbasis sukzessive. Gleichzeitig entstehen Trainingsdaten für den Algorithmus, wodurch dieser noch präziser und besser Störungen wiedererkennen kann. Bei bisher unbekannten Störungen können neue Karteikarten mit Lösungsvorschlägen angelegt und den Kollegen zur Diskussion gestellt werden. Bei den Lösungsvorschlägen kann es sich um Texte, Fotos oder Videos handeln, die von den Mitarbeitern erstellt werden. Sie können durch hochwertigen Content, wie beispielsweise Animationen oder Augmented Reality von Maschinenherstellern ergänzt werden.

Der innovative Charakter unseres Verfahrens ist, dass der Nutzer beziehungsweise Bediener der Maschine im Bedarfsfall nicht, wie zum Beispiel in einem Forum, selbst nach passenden Einträgen suchen muss. Stattdessen übernimmt das unser Algorithmus. Er schlägt proaktiv Lösungen auf Basis des im Unternehmen vorhandenen Wissens vor.

Entstanden ist das Ganze im Rahmen mehrerer Forschungsprojekte?
Schult: Ja, das waren Projekte am Fraunhofer IVV in Dresden sowie Kooperationsprojekte mit Ingenieur-Psychologen der Technischen Universität Dresden. Die Idee entstand 2015 auf Grundlage zahlreicher Effizienzanalysen, die wir in Produktionsbetrieben durchgeführt haben. Wir haben in vielen Tag- und Nachtschichten den Produktionsalltag der Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kennengelernt und ein Gespür dafür bekommen, wie eine tatsächlich nutzerorientierte Lösung aussehen könnte.

Sie sagen, dass verschiedene Forschungsprojekte an der Entwicklung dieser Idee beteiligt waren. Welchen Fokus hatten die Projekte?
Schult: Ein Forschungsprojekt hatte zum Beispiel das Ziel, Algorithmen für Maschinelles Lernen zu entwickeln, um Maschinendaten, Sensordaten, Produktionsdaten zu analysieren. Ein anderes Forschungsprojekt hatte die psychologische Komponente im Blick: Wie kann Erfahrungswissen präsentiert werden? Was motiviert Menschen, so einen Datenspeicher zu nutzen? Wovor haben sie Angst? Aus den vielen verschiedenen Forschungsergebnisse ist dann die Grundlage für unser heutiges Produkt entstanden.

Und dann dachten Sie, dass man damit auch auf den Markt gehen könnte?
Schult: Ich glaube Markus Windisch und ich hatten schon immer eine unternehmerische Ader. Das hat sich durch die Arbeit am Fraunhofer IVV aufgrund der Ideen, die man hier umsetzen und verwirklichen konnte noch verstärkt.

Im Dezember 2017 war es dann soweit.
Schult: Ja, zumindest wurde damals die Idee das erste Mal nach außen getragen. Einer unserer ersten Ansprechpartner war unsere Institutsleitung, die uns von Beginn an mit ihrem positiven Feedback sehr unterstützt hat. Und mit Dr. Lukas Oehm, Nachfolger der Gruppenleitung, haben Markus Windisch und ich einen Kooperationspartner an unserer Seite, dem wir blind vertrauen können. Diese Vertrauensbasis war auch die Grundlage für den Lizenzvertrag, der nicht auf einen kurzfristigen Umsatzgewinn für das Institut, sondern auf eine langfristige Partnerschaft ausgelegt ist. Dieser Vertrauensvorschuss hilft uns wirklich sehr, insbesondere in der Startphase.

Und wo haben Sie sich das unternehmerische Handwerkszeug angeeignet?
Schult: Zum Großteil am Fraunhofer IVV. Markus Windisch war Teamleiter, ich Gruppenleiter. Dadurch konnten wir eigene strategische Entscheidungen fällen und mit einem eigenen Budget arbeiten. Durch die große Gestaltungsfreiheit am IVV waren wir quasi schon unternehmerisch tätig, wenn auch ohne eigenes Risiko. Aber so konnten wir beide testen, was funktioniert, wie man Kunden begeistert und Mitarbeiter motiviert. Dadurch konnten wir beide einiges für unsere unternehmerische Zukunft lernen.

Wie hat sich Ihr Unternehmen seit der Gründung entwickelt?
Schult: Besser als erwartet. Wir haben ja sehr früh gegründet. Im März 2019 fiel der Startschuss für die Phase 1 von EXIST-Forschungstransfer und kurz darauf, im Juli, haben wir zu zweit die Peerox GmbH gegründet.

Heute, etwa ein Jahr später, laufen bereits Pilotprojekte in der Produktionsumgebung großer Industrieunternehmen. Mit diesen ersten Umsätzen können wir ein Team von 10 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in unserem Büro finanzieren und die Entwicklung vorantreiben. Der wohl größte Erfolg unserer jungen Unternehmensgeschichte war der Verkauf erster Lizenzen an unsere Kunden auf Basis der Erfolge aus den Pilotprojekten. Damit haben uns unsere Kunden gezeigt, dass sie nicht nur von unserer Vision, sondern auch von unserer Arbeitsweise und unseren bisherigen Arbeitsergebnissen überzeugt sind.

Außerdem haben wir einige Preise gewonnen, wie beispielsweise den Hauptpreis beim Gründerwettbewerb – Digitale Innovationen 2019 oder den dritten Platz beim Sächsischen Gründerpreis 2020. Dadurch gewinnt man zwar keine Kunden und verbessert auch nicht sein Produkt. Es ist aber eine schöne Bestätigung und Motivation für unser Team.

Aus welchen Branchen kommen Ihre Kunden?
Schult: Prinzipiell ist unser Assistenzsystem Maddox für jede Produktionsmaschine geeignet, also von der Automobil- bis zur Halbleiterindustrie. Wir legen allerdings einen sehr starken Fokus auf die Verpackungs-, lebensmittelverarbeitende- und pharmazeutische Industrie. Das waren auch die Schwerpunkte unseres Instituts, so dass wir in den Branchen schon lange gut vernetzt sind.

Trotz eines guten Netzwerks müssen Sie die Unternehmen erst einmal davon überzeugen, dass Ihre Software tatsächlich funktioniert und den Unternehmen einen Mehrwert bietet. Gar nicht so einfach, oder?
Schult: Es ist auf jeden Fall ein spannendes Thema, weil wir durch den B2B-Kontext kein Marketing für die breite Masse betreiben. Unser Produkt erklärt sich nicht sofort. Da hilft auch kein Videospot von 10 Sekunden. Uns hat geholfen, dass wir unsere Kunden sehr gut verstehen, weil wir viel Zeit in Produktionsbetrieben verbracht haben und uns immer wieder mit den potenziellen Nutzern aus der Controllingabteilung, der Geschäftsführung sowie Produktionsplanung unterhalten haben. Wir haben also verstanden, wie die Unternehmen funktionieren, wer mit wem arbeitet, welche Daten anfallen und welche Daten gebraucht werden. Und wir haben erfahren, was derjenige, mit dem wir gerade sprechen, für ein Problem hat. Auf dieser Grundlage konnten wir unser Produkt so weiterentwickeln, dass es tatsächlich verschiedenen Unternehmensbereichen einen Mehrwert bietet.

Und die Unternehmen stehen Schlange?
Schult: Schön wär’s. Wir haben wirklich schon viele Interessenten, was uns sehr freut. Aber in der jetzigen Phase unseres Unternehmens ist ein Pilotprojekt noch mit einem hohen Risiko und hohen Kosten für unsere Kunden verbunden. Da braucht es schon ganz besonders mutige, innovative Unternehmen, die bereit sind, eingetretene Pfade zu verlassen, um wirklich etwas zu ändern. Zum Glück haben wir genau solche Partner für unsere Pilotprojekte gefunden. Aber allgemein braucht die Kommunikation viel Zeit und Geduld – das ist nicht gerade unsere Stärke.

Darüber hinaus versuchen wir immer wieder für potenzielle Kunden und Partner sichtbar zu sein. Wir besuchen zum Beispiel Messen und Kongresse, um dort mit vielen Leuten ins Gespräch zu kommen.

Sie haben auch einen eigenen Beraterkreis aufgebaut.
Schult: Ja, das hat sich auf jeden Fall bewährt. Unseren industriellen Beraterkreis haben wir relativ früh aufgebaut. Dazu gehören heute 40 Unternehmen. Wir bieten Probanden-Tests an, diskutieren mit den Geschäftsführern über Geschäftsmodelle und digitale Produktentwicklungen. Darüber hinaus werden die Mitglieder des Beraterkreises eng in die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten des Fraunhofer IVV Dresden einbezogen

Welches Interesse haben die Unternehmer, sich an so einem Kreis zu beteiligen?
Schult: Die Themen Wissensmanagement und Digitalisierung beschäftigen viele Unternehmen. Maschinenhersteller versuchen Problemlösungen für ihre Kunden anzubieten. Maschinenbetreiber stehen vor der großen Herausforderung, dass durch den demografischen Wandel Fachkräfte immer häufiger ihren Job wechseln oder Erfahrungsträger in den Ruhestand gehen, so dass immer mehr Erfahrungswissen verloren geht. Über die Teilnahme an dem Beraterkreis haben sie die Chance, über den aktuellen Stand der technischen Entwicklungen informiert zu werden und sich mit uns und anderen auszutauschen.

Bei allem Erfolg: Gab es auch Hürden? Den Corona-Lockdown scheinen Sie ja gut überstanden zu haben?
Schult: Unter dem Strich, ja. Aber rückblickend würde ich sagen, dass die Corona-Pandemie eine der größten Herausforderungen für uns war, weil der Lockdown genau zu dem Zeitpunkt kam, als wir mit unseren Pilotversuchen bei unseren Kunden starten wollten. Aufgrund der Pandemie wurden aber die Betriebe für Externe geschlossen. Das heißt, wir sind schlichtweg nicht mehr auf die Betriebsgelände gekommen. Gleichzeitig waren viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit kleinen Kindern aufgrund von Schul- und Kita-Schließungen zu Hause. Das war eine zusätzliche Belastung. In der Zeit haben wir zweifellos mit einer gewissen Skepsis in die Zukunft geblickt, unsere Kapitaldecke ist ja schließlich nicht so groß. Gleichzeitig hat uns diese Zeit aber auch als Team zusammengeschweißt. Wir haben gemerkt, dass wir so eine Belastungsprobe überstehen können und schauen heute noch ein Stück selbstbewusster in die Zukunft.

Zu guter Letzt: Ihr Tipp für Gründerinnen und Gründer?
Schult: Ich glaube, eines der größten Learnings war, sehr früh Gespräche zu führen – mit potenziellen Kunden, Nutzern, aber auch mit Unternehmern, wenn es um unternehmerische Prozesse geht. Natürlich neigt man dazu, dann lieber denjenigen Leuten zuzuhören, die einem auf die Schulter klopfen. Viel wichtiger sind aber die kritischen Töne. Da sollte man dranbleiben, sein Ego strapazieren und analysieren, was warum nicht verstanden wird und an der Idee weiterfeilen. Also immer wieder reflektieren, ob man auf dem richtigen Weg ist.

Abgesehen davon ist aber am allerwichtigsten, nie den Spaß an der Sache zu verlieren. Sicherlich gibt es immer wieder schwierige Tage. Entscheidend sind aber die Freude an der Arbeit, das richtige Team und der Glaube daran, dass man seine Visionen umsetzen wird.

Stand: September 2020

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