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RMF Tech GmbH

RMF Tech GmbH v.l.n.r.: Martin Reiber, Christina Thölke, Robin Hofmann und Radek Vostal
© Institut für Technische Chemie

„Wir müssen abwägen: Wie viele Patente brauchen wir, damit uns die Investoren vertrauen? Und wie viele Patente brauchen wir, um unsere Technologie abzudecken?“

Interview mit Martin Reiber

Zur Hör­ver­si­on (mpg 4, 7 MB)

Indium, Gallium und Germanium: Ohne diese Metalle geht heutzutage nichts mehr in der Hightechindustrie. Kein Smartphone funktioniert ohne sie: kein Display, keine Leuchtdiode, kein Funkchip. Das RMF Tech-Team der sächsischen Technischen Universität Bergakademie Freiberg hat daher ein Verfahren entwickelt, das diese wertvollen Metalle aus Stoffströmen zurückgewinnt und in den Produktionsablauf zurückführt. Unterstützt wird es dabei von EXIST-Forschungstransfer.

Herr Reiber, wie geht die Industrie aktuell noch mit Metallrückständen um und was wollen Sie anders machen?
Reiber: Aktuell sieht es meist so aus, dass in der Industrie wertvolle Metalle wie Indium, Gallium und Germanium in Produktionsrückständen landen und entsorgt werden. Sprich: Sie landen auf dem Müll. Genauso übrigens wie die meisten elektronischen Endgeräte, sobald sie nicht mehr gebraucht werden. Wir haben es uns daher zur Aufgabe gemacht, die Metalle aus Produktionsrückständen wie Schlacken, Schlämmen und Stäuben herauszufiltern und den Unternehmen wieder für die Produktion zur Verfügung zu stellen, so dass der Stoffkreislauf geschlossen wird. Das spart nicht nur Beschaffungs- und Entsorgungskosten, sondern verringert auch CO2-Emissionen. Gleichzeitig wird das Versorgungsrisiko für diese Metalle, die ja hauptsächlich aus Asien kommen, reduziert.

Sie haben das Verfahren an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg entwickelt. Inwiefern wurden Sie von Ihrer Hochschule auf Ihrem Gründungsweg unterstützt?
Reiber: Man kann sagen, wir sind den ganzen Weg gemeinsam gegangen. Dank der Unterstützung durch die Dr. Erich-Krüger-Stiftung sowie durch das Gründernetzwerk Saxeed konnten wir unsere Idee weiterentwickeln und schließlich EXIST-Forschungstransfer beantragen. Die TU Freiberg hat uns dann Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, in denen wir unsere Demonstrator-Anlage aufbauen und erste umfangreichere Testläufe durchführen konnten.

Für Ihr Verfahren wurden mehrere Patente angemeldet. Wer hat die Anmeldung übernommen? Die Hochschule?
Reiber: Ja, im Rahmen des Arbeitnehmererfindungsgesetzes tritt man seine Rechte als Erfinder an die Hochschule ab. Wir haben daher die technischen Beschreibungen erstellt und die Hochschule hat diese dann im Rahmen der Patentanmeldung eingereicht.

Aktuell gibt es bereits zwei erteilte Patente, zwei andere befinden sich noch im Anmeldeprozess, eines davon ist eine Europäische Anmeldung. Was die Übertragung der bereits erteilten Patente auf uns bzw. die RMF Tech GmbH betrifft: Dazu stehen wir gerade mit unserer Hochschule in Verhandlung. Es wird voraussichtlich so aussehen, dass wir für die nächsten Jahre zunächst eine Ausschließlichkeitslizenz für unser Start-up erhalten, so dass nur wir mit dem Verfahren arbeiten dürfen. Danach erhalten wir die Möglichkeit, die Patente käuflich zu erwerben.

Wie haben Sie sich auf das Gespräch mit der Hochschule vorbereitet? Schon allein die Wertermittlung eines Patents ist nicht einfach zu ermitteln.
Reiber: Ja, richtig, zumal es sich in unserem Fall um Verfahrenspatente handelt. Da ist es sowieso sehr schwierig, den Wert genau zu bestimmen. Man kann einfach nicht sagen, wie oft das Verfahren in der Praxis eingesetzt wird. Wir haben uns daher zunächst mit Herrn Prof. Dr. Bertau und den Mitarbeitern des Gründernetzwerks Saxeed an der TU Bergakademie Freiberg zusammengesetzt und überlegt, wie wir vorgehen können. Danach sind wir auf die Kollegen von der Hochschule zugegangen und haben erst einmal die Wünsche der Hochschule sowie unsere Vorstellungen erörtert und versucht, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Aber wie gesagt, der Prozess ist noch nicht abgeschlossen.

Hat die TU Freiberg bereits Erfahrungen mit der Übertragung von Patenten auf Start-ups?
Reiber: Ja, und diese Erfahrungen kommen uns durchaus zugute. Dennoch ist es sowohl für die Hochschule als auch für uns als Start-up-Gründer immer noch Neuland. Natürlich bleibt da das ein oder andere intensivere Gespräch nicht aus, aber wir können sagen, dass alle Beteiligten bemüht sind, einen Weg zu finden, um das Ganze vertraglich zu fixieren und in Anwendung zu bringen.

Sie sagten, die Verhandlungen mit der Hochschule sind noch nicht abgeschlossen. Sie befinden sich also in einer Art Schwebezustand, müssen aber Kunden akquirieren und Ihr Verfahren weiterentwickeln. Wie gehen Sie damit um?
Reiber: Glücklicherweise haben wir uns mit der Hochschule einigen können. Während der Förderphase von EXIST-Forschungstransfer dürfen wir die Technologie ausschließlich und vollständig nutzen. Und wenn EXIST ausläuft, werden wir mit den Vertragsverhandlungen so weit sein, dass es einen nahtlosen Übergang gibt. Was das anbelangt, ist die Hochschule sehr entgegenkommend. Man muss dazu sagen, dass wir derzeit noch keine Produktionsanlage haben, mit der wir mehrere Jahrestonnen produzieren können. Wir haben derzeit unsere Demonstrator-Anlage, mit der wir größere Forschungsversuche durchführen können. Das kollidiert also nicht mit dem aktuellen Status der Patentanmeldung.

Wie sieht Ihre IP-Strategie aus?
Reiber: Da wir als Erfinder die Patentanmeldung selbst geschrieben haben, wissen wir genau, was in unseren Patenten steht. Wir wissen auch, welche der Patente wir später brauchen und welche nicht. Das bedeutet: Wir hinterfragen durchaus kritisch, welchen konkreten Nutzen diese Patente für unser Unternehmen haben. Dabei dürfen wir allerdings nicht die Interessen zukünftiger Investoren vergessen. Die erwarten in der Regel, dass ein Start-up möglichst viele Patente hält. Wir müssen also abwägen: Wie viele Patente brauchen wir, damit uns die Investoren vertrauen? Und wie viele Patente brauchen wir, um unsere Technologie entsprechend abzudecken? Es ist nicht einfach abzuschätzen, was das Unternehmen in der Zukunft an Patenten benötigt. Von daher versuchen wir, möglichst groß zu denken und alle Eventualitäten und Szenarien genau durchzusprechen.

Unabhängig von der Patentfrage, wie hat sich Ihr Unternehmen seit der Gründung entwickelt? Sie sind ja erst seit August 2019 am Markt.
Reiber: Wir sind sehr zufrieden. Ursprünglich wollten wir die Gründung erst später realisieren, hatten aber dann schon so viele Anfragen von Pilotkunden und Zusagen für Forschungsaufträge, sodass wir den Gründungszeitpunkt vorverlegt haben. Die Kunden-Akquise läuft also sehr gut.

Auch innerhalb des Teams hat jeder seine Position gefunden, sodass wir uns gut ergänzen. Wir sind aktuell zu viert, interdisziplinär zusammengesetzt, von der Verfahrenstechnik und der Betriebswirtschaft und Chemie bis hin zum Chemie-Ingenieurwesen. Da ist es wichtig, eine Sprache zu finden, um nach außen hin ein gemeinsames Auftreten zu finden. Ich denke, das ist uns gut gelungen. Wir haben einfach gemerkt, dass jeder Einzelne nur so gut ist wie das Team insgesamt. Deshalb ist es wichtig, sich die Zeit zu nehmen und Teambesprechungen durchzuführen, auch wenn gerade viel los ist. Jeder im Team muss sehen, was der andere gerade macht. Wo kann ich den anderen unterstützen? Wo kann man gemeinsam arbeiten? Was kann der eine oder andere allein erledigen?

Wie sehen Ihre nächsten Schritte aus?
Reiber: Wir werden mit unserer Demonstrator-Anlage weitere Forschungsaufträge bearbeiten und unsere Technologie weiterentwickeln. Das Ganze soll darin münden, dass wir einen Standort finden, wo wir in den nächsten zwei, drei Jahren eine Pilotanlage bauen können.

Wie sieht es aus mit Tipps für andere Gründungsteams?
Reiber: Sich die Erfahrungen anderer zunutze zu machen ist sehr wichtig. Wir haben zum Beispiel bei einem Kommunikations-Coaching gelernt, wie man sich am besten auf Gespräche mit Vertretern der Hochschule, mit den Professoren, aber auch mit Kunden vorbereitet. Gute Beratung zu allen rechtlichen Aspekten ist natürlich auch ein wichtiger Punkt. Und für einen guten Markteinstieg sollte man nach einem erfahrenen Industrie-Coach Ausschau halten. Gerade die Vertreter der „Silver Generation“, die in dem jeweiligen Marktbereich schon aktiv gewesen sind, können einem oft mit wichtigen Kontakten und Know-how weiterhelfen.

Außerdem raten wir allen Teams, die sich für EXIST-Forschungstransfer bewerben möchten und ein sehr techniklastiges Produkt entwickeln, die Projektlaufzeit auf zwei Jahre anzusetzen. Vor allem wenn der Bau eines Demonstrators vorgesehen ist. Dabei kommt es unserer Erfahrung nach immer wieder zu Problemen aufgrund der langen Lieferzeiten von Geräten und Anlagenteilen - auch durch die Beschaffungszeiten der Hochschule. Die muss man mit einplanen. Und nicht zuletzt sollte man alle Mitarbeiter der Hochschule und des Gründungsnetzwerks, die in das Projekt involviert sind, kontinuierlich informieren. Damit sind alle auf demselben Stand.

Stand: November 2019

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