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Semodia GmbH

Gründungsteam Semodia GmbH v.l.n.r.: Henry Bloch, Jan Funke, Anna Menschner, Stephan Hensel
© Semodia GmbH

„Man wächst vor allem am kritischen Feedback. Nur so kann man seine Idee schärfen und sich von anderen abgrenzen.“

Interview mit Anna Menschner

Industrieanlagen bestehen heutzutage oft aus verschiedenen Bauteilen. Damit das Produktionsverfahren dennoch wie am Schnürchen laufen kann, müssen die einzelnen Module miteinander kommunizieren. Genau da hakt es allerdings immer noch. Das Gründungsteam der Semodia GmbH ist nun mit einer Softwarelösung am Markt, das in mehrjährigen Industrieforschungsprojekten an der Technischen Universität Dresden und Helmut-Schmidt-Universität Hamburg entwickelt wurde. Dass der Start in die unternehmerische Selbständigkeit bisher so gut verlaufen ist, überrascht selbst das Gründungsteam immer wieder. Dazu beigetragen hat nicht zuletzt die enge Orientierung an den Bedürfnissen der Industrie.

Frau Menschner, Sie haben gemeinsam mit Ihren Kollegen eine Software entwickelt, die die Kommunikation verschiedener Bauteile innerhalb einer Anlage ermöglicht. Um was geht es dabei?
Menschner: Hintergrund ist, dass verfahrenstechnische Anlagen, wie sie zum Beispiel in der pharmazeutischen Industrie eingesetzt werden, heutzutage nicht mehr als große, in sich geschlossene Einheiten gebaut werden, sondern aus einzelnen Modulen zusammengesteckt werden, wie nach dem LEGO-Prinzip. Jedes dieser Module erfüllt einen verfahrenstechnischen Schritt. Es rührt, schüttelt oder temperiert zum Beispiel bestimmte Substanzen. Und wenn sich beispielsweise die Rezeptur für ein Medikament ändert, wird einfach ein weiteres oder anderes Modul an die Anlage gesteckt. Sie muss also nicht komplett neu aufgebaut werden. Das spart Zeit und ist kostengünstig.

Und worin besteht das Problem?
Menschner: Die Module werden von unterschiedlichen Herstellern geliefert und verfügen über unterschiedliche Steuerungen. In der Praxis hat dies zur Folge, dass die Automatisierungstechnik von dem Hersteller x nicht mit der Automatisierungstechnik von dem Hersteller y zusammenspielt – sie können nicht miteinander kommunizieren. Es gibt weder eine einheitliche Benutzerschnittstelle, die Mensch und Maschine zusammenbringt noch eine einheitliche Sprache zwischen den verschiedenen Modulsteuerungen. Jedes Modul muss also manuell mit einem übergeordneten Automatisierungssystem verbunden werden, damit alle Teile einer Anlage miteinander kommunizieren können. Und genau an diesem Punkt kommt unsere Software zum Einsatz.

Die löst das Kommunikationsproblem zwischen den Modulen und dem übergeordneten System?
Menschner: Genau. Bei unserem Module Type Package, kurz: MTP, handelt es sich um eine Schnittstelle, die eine standardisierte Beschreibung von modularen Einheiten ermöglicht. Das Ganze ist herstellerneutral, sodass das MTP für alle Steuerungen eine einheitliche Beschreibungsschnittstelle erstellt. Damit werden Steuerungen in die Lage versetzt, miteinander zu kommunizieren. und mit den einzelnen Steuerungsfunktionen kommuniziert.
Das muss man sich wie mit einem Drucker-Treiber vorstellen. Sobald der Drucker angeschlossen wird, weiß der Rechner welche Funktionen der Drucker hat und wie er diesen ansprechen muss. Der Drucker kann die Befehle vom Rechner verarbeiten. Nach demselben Prinzip funktioniert das MTP zwischen den Modulsteuerungen und dem System.

Sie haben zu viert gegründet. Wie ist die Idee entstanden?
Menschner: Bevor wir die Semodia GmbH gegründet haben, waren wir als wissenschaftliche Mitarbeiter beschäftigt: Stephan Hensel und ich an der Technischen Universität Dresden, Jan Funke war damals noch unser Student und Henry Bloch war an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg tätig. Wir haben damals in mehreren Industrieprojekten gearbeitet, wo wir diesen Ansatz bereits verfolgt und standardisiert hatten. Wir waren also in sehr vielen Arbeitskreisen und Standardisierungsgremien unterwegs und haben uns darüber kennengelernt.

Und wie kam es zu der Entscheidung, ein Start-up zu gründen? Für Wissenschaftler ist das ja nicht selbstverständlich.
Menschner: Wie man‘s nimmt. Wir waren durch unsere Arbeit in den verschiedenen Industrieprojekten bereits sehr nah an der unternehmerischen Praxis. Wir haben also nicht im Elfenbeinturm geforscht. Und durch die vielen Kontakte zur Industrie wussten wir, dass es tatsächlich einen großen Bedarf an einer praktikablen Lösung gibt. So ist dann die Idee entstanden, selbst ein Unternehmen zu gründen und die Industrie mit der von uns entwickelten Software zu unterstützen. Das haben wir dann einfach in Angriff genommen.

Und war es dann auch so einfach?
Menschner: Ich muss zu meiner eigenen Überraschung sagen: ja. Nicht zuletzt durch die vielfältige Unterstützung. Der Gründungsservice der TU Dresden, Dresden exists, hat uns zum Beispiel sowohl bei der Antragstellung von EXIST-Gründerstipendium als auch darüber hinaus durch das umfangreiche Seminarangebot sehr geholfen. Von Kundenkommunikation bis Vertriebsaufbau wurden wirklich alle Themen vorgestellt, die Gründerinnen und Gründer bewegt und interessiert. Am 1. April 2019 startete dann die EXIST-Phase. Außerdem haben wir für Jan Funke ein SAB-Technologiestipendium erhalten, das parallel zum EXIST-Gründerstipendium von Stephan Hensel, Henry Bloch und mir lief. Danach ging es weiter mit einem Investment über den Technologiegründerfonds Sachsen .

Was ist denn besonders gut gelaufen?
Menschner: Besonders gut waren die Gespräche mit den Vertretern aus der Industrie. Auch wenn es damals und heute immer noch viele gibt, die sagen: „Das ging die letzten 20 Jahre gut, das geht auch weiter so.“ Nichts desto trotz haben wir Kontakt zu potentiellen Kunden bekommen, die offen gegenüber unserer Idee waren. Wir sind dabei mit eher unfertigen Prototypen auf die Unternehmen zugegangen, haben gemeinsam Demonstratoren aufgebaut und dadurch sehr frühzeitig ein Feedback erhalten. Natürlich mussten wir auch viele kritische Fragen beantworten. Aber letztlich hat uns das ein großes Stück weitergebracht, auch wenn wir bei der einen oder anderen Frage erst einmal schlucken mussten. Die Leute sprechen ja einfach nur aus, was sie ad hoc über die Idee denken und auch wenn es nicht immer leichtfällt, lohnt es sich, zu überlegen, ob da etwas dran ist. Durch die enge Kundenorientierung konnten wir unsere Software natürlich entscheidend verbessern, sodass wir jetzt bei der Ansprache neuer Kunden ein erprobtes und praxistaugliches Produkt präsentieren können.

Mussten Sie auch Lehrgeld zahlen?
Menschner: Ja, das mussten wir. Ich glaube, heute würden wir uns nicht mehr so von Kunden treiben lassen, die alles am besten vorgestern und kostenlos haben wollen. Das sind meist auch die ersten, die wieder abspringen. Da haben wir teilweise doch sehr viele Ressourcen verschwendet, ohne messbaren Wert. Das würden wir nicht noch einmal machen.

Gab es weitere Hürden?
Menschner: Wir hatten uns von vornherein auf Messen konzentriert, da wir ein sehr erklärungsbedürftiges B2B-Produkt haben. Aber mit Covid-19 war es mit den Messen schlagartig vorbei. Dadurch sind alle unsere Vertriebs- und Marketingkanäle mit einem Mal zusammengebrochen. Online-Marketing spielte für uns ja damals keine Rolle. Das war ein Fehler. Aber inzwischen haben wir zusammen mit einer sehr guten Agentur, ein Online-Marketing-Konzept erarbeitet, das mithilfe von Videos, Bildern, Animationen und so weiter verschiedene Kundengruppen und Hierarchien innerhalb eines Unternehmens anspricht. Das Ganze startet zum Ende des Jahres.

Wie sehen denn die nächsten unternehmerischen Schritte der Semodia GmbH aus?
Menschner: Wir sind gerade dabei, vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, einzustellen. Dann werden wir natürlich unsere Produkte weiter vertreiben und weitere Anwendungsfelder für unsere Software eruieren. Und natürlich knüpfen wir weiterhin neue Kontakte und pflegen unser bestehendes Netzwerk.

Sie haben aufgrund der Covid-19-Pandemie EXIST-Gründerstipendium verlängert. Hat das gut geklappt?
Menschner: Ja, eigentlich wollten wir im April 2020, nach Auslaufen von EXIST, den Vertrag mit dem Technologiegründerfonds Sachsen unterschreiben. Das hatte sich dann durch den Co-Investor und die Covid-19 Situation verzögert. Wir hatten also keine Anschlussfinanzierung. Als der Chef von Dresden exists uns dann einfach kurz angeschrieben und gefragt hatte, ob wir eine Verlängerung benötigen, war das natürlich die Rettung. Danach hat er alles in die Wege geleitet. Irgendwann wurde uns ein Antrag vorgelegt, den haben wir unterschrieben – und fertig. Das Geld kam dann auch direkt. Das hat also alles wirklich einwandfrei funktioniert, sodass wir uns in der Zeit auf das Wesentliche fokussieren konnten.

Welche Tipps würden Sie anderen Gründungsteams geben?
Menschner: Machen und einfach machen. Traut euch, Dinge auszuprobieren und haltet mit euren Ideen nicht zu lange hinterm Berg. Ihr braucht keine Angst zu haben, dass die Idee geklaut wird. Das wird nicht passieren, weil ihr die Spezialisten in dem Bereich seid. Wichtig ist auch, mit so vielen potenziellen Kunden wie möglich zu sprechen, aber auch mit Konkurrenten. Man wächst vor allem am kritischen Feedback. Nur so kann man seine Idee schärfen und sich von anderen abgrenzen.

Stand: Oktober 2020

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