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Silexica GmbH

Gründerteam Selixica v.l.n.r.: Weihua Sheng Johannes Emigholz und Maximilian Odendahl
© Silexica GmbH

"Wir haben über den German Accelerator als erstes nichtamerikanisches Start-up Zugang zum Stanford Accelerator 'StartX' bekommen."

Interview mit Johannes Emigholz

Mit ihren innovativen und sehr speziellen Software-Tools hat es das Team von Silexica geschafft, in nur vier Jahren in den USA, Japan und Israel Fuß zu fassen. Beim Eintritt in den US-Markt hat sich die Ausgründung der RWTH Aachen durch den German Accelerator helfen lassen

Herr Emigholz, Silexica entwickelt Software-Tools, um Programmierern die Arbeit zu erleichtern. Worum geht es genau?

Emigholz: Hintergrund ist, dass die Komplexität der Mikroprozessorarchitekturen, also einfach gesagt, die elektronischen Schaltungen in Computern, in den letzten Jahren explosionsartig zugenommen hat. Wenn Sie zum Beispiel in eine der vielen Mobilfunk-Basisstationen hineinschauen, die auf Dächern stehen, verbirgt sich dahinter ein Super-Computer, der mehrere hunderte Gespräche und Streaming-Anwendungen gleichzeitig verarbeitet. Für Programmierer bedeutet diese Komplexität eine zunehmende Herausforderung. Unsere Idee war es daher, Software-Tools zu entwickeln, die genau diese Komplexität beherrschbar machen. Dabei haben wir von Anfang an gemeinsam mit international renommierten Elektronikkonzernen aus Asien an der Entwicklung dieser Technologie gearbeitet. 

Gründern mit wissenschaftlichem Hintergrund wird oft nachgesagt, dass sie sich zu wenig in der Unternehmenswelt auskennen. Das erschwert die Kontaktaufnahme zu etablierten Unternehmen. Wie war das bei Ihnen?

Emigholz: Aus dem Hochschulkontext heraus war es recht einfach, Kontakte zu knüpfen. Große internationale Konzerne beschäftigen ja eigens Mitarbeiter, die nichts anderes tun, als nach Innovationen in Hochschulen Ausschau zu halten. Die Unternehmen, mit denen wir gemeinsam unsere ersten Anwendungen entwickelt hatten, gehörten sogar zu unseren ersten Kunden. Trotzdem war es schon eine ziemliche Herausforderung weitere Kunden zu gewinnen, nachdem wir die RWTH verlassen und Silexica gegründet hatten. Wenn man diesen Wissenschaftsstempel trägt, sagen eben doch viele Unternehmen: „Nein, danke. Wir wollen nicht forschen. Wir brauchen ein Produkt, das unsere Probleme löst.“ Wir haben daher sehr früh angefangen mit ausgewiesenen Vertrieblern zu arbeiten. In Japan vertritt uns zum Beispiel seit Frühjahr 2015 ein professioneller Sales Mitarbeiter. Japan ist heute unser größter Markt. Wir erzielen dort die Hälfte unseres Umsatzes. Insofern macht es wirklich einen Unterschied, ob der Vertrieb von Profis gemacht wird oder von Gründern, die zwar viel Ahnung vom Produkt, aber wenig Ahnung vom Vertrieb haben.

Das hört sich alles ziemlich perfekt an. Gab es auch Hürden?

Emigholz: Ja klar, das war vor allem die Gratwanderung, bei der man einerseits genau das umzusetzen möchte, was ein bestimmter Kunde benötigt, andererseits hat man aber auch eine Vision und möchte ein Produkt nach ganz eigenen Vorstellungen bauen. Und da sind wir ein, zwei Mal in die falsche Richtung gegangen und haben viel Arbeit und Geld in ein Feature investiert, das aber letztlich keine Chance auf dem Markt hatte. 

Das geht vielen so, aber nicht jeder kann sich solche Flops leisten.

Emigholz: Wir haben das Glück, dass unsere Investoren ein langfristiges Ziel verfolgen. Die gehen davon aus, dass unser Team aus Wissenschaftlern, Programmierern und Produktentwicklern ein grundlegendes Problem, das derzeit am Markt herrscht, lösen wird. Und wenn man dann vereinzelt Features entwickelt, die nicht in die richtige Richtung gehen, hat man ja trotzdem daraus gelernt. Unsere Investoren stärken uns in diesen Fällen immer den Rücken und sagen: Weiter jetzt und Vollgas in die richtige Richtung.

Wie kam der Kontakt zu den Investoren zustande?

Emigholz: In der Frühphase hatte sich ein privater Investor und der Seed Fonds Aachen an unserem Start-up beteiligt. Bei der zweiten Finanzierungsrunde waren wir mit dem German Accelerator im Silicon Valley, wo wir US-Investoren für unser Vorhaben gewinnen konnten. Acht Millionen Dollar haben wir damals eingesammelt. Das war zu der Zeit für uns als kleines Start-up aus Deutschland natürlich ein riesiger Erfolg.

Die Teilnahme am German Accelerator hat sich also für sie gelohnt.

Emigholz: Das war in vielerlei Hinsicht ein unglaublich hilfreiches Programm. In den ersten zwei Monate haben wir erst einmal die Do’s and Dont’s des Silicon Valley kennengelernt. Wie gehe ich an Meetings ran? Worauf achten die Investoren oder auch Kunden? Was wollen die hören? Gerade im Vergleich zu Deutschland gibt es da ganz erhebliche Unterschiede. Meetings werden zum Beispiel sehr kurzfristig, zwei, drei Tage im Vorhinein angesetzt. Wir sind es aus Deutschland gewohnt gewesen, mit potenziellen Kunden drei Monate im Voraus ein Meeting zu planen. Und dann sitzen da zehn Leute und hören einer drei-Stunden-Präsentation zu. Im Silicon Valley funktioniert das anders. Da trifft man zum Beispiel Bob auf einen Kaffee morgens um acht auf dem Weg zur Arbeit. Bob ist der Vize Präsident für Produktmanagement bei Intel und zufälligerweise der Nachbar von Jim, den man am Vortag beim Kaffee kennengelernt hat. Und so geht es weiter. Das hat super geklappt. Auf diese Weise hatten wir fast jeden Tag unsere Meetings im Coffeeshop mit wirklich hochrangigen Leuten und potenziellen Kunden. Ich habe jedenfalls noch nie so viel Cappuccino getrunken.

Kommen wir noch einmal zurück zu den Investoren. Wie haben Sie sich auf die Gespräche vorbereitet?

Emigholz: Max und ich haben mit Hilfe der Mentoren des German Accelerators gelernt, wie man mit Investoren spricht. Wir hatten außerdem einen Pitch Coach, der uns über ein Netzwerk wiederum mit Kunden bzw. späteren Mitarbeitern zusammengebracht hat. Was die Pitches selbst betrifft, ist ganz klar, dass im Silicon Valley die unternehmerische Vision deutlich mehr zählt als die Zahlen zum Umsatzwachstum oder zum Marktpotenzial. Wir haben also vor allem eine Story erzählt: Wo wir hinwollen. Warum wir diejenigen sind, die die Energie dafür haben, diesen langen Weg zu gehen. Usw. Die Zahlen haben wir dann erst am Ende kurz und knapp präsentiert.

Damit hatten Sie den Fuß in der Tür zum US-amerikanischen Markt.

Emigholz: Korrekt. Wir haben damals unseren zukünftigen Sales Mitarbeiter über das Netzwerk unserer Mentoren kennengelernt und ein Büro in San José eröffnet. Besonders spannend war, dass wir über den German Accelerator Zugang zum Stanford Accelerator „StartX“ bekommen haben - als erstes nichtamerikanisches Start-up. Das war natürlich eine tolle Sache. Darüber haben wir dann auch unseren Investor kennengelernt.

Welche Rolle spielt heute der amerikanische Markt für Sie? Sie sagten, Sie sind vor allem in Japan präsent.

Emigholz: Wenn man so ein Start-up aufbaut, ist das Allerwichtigste, den Kunden zuzuhören und auf die Kundenprobleme einzugehen. Da bekommen wir aus den USA unglaublich viel Feedback und lernen am meisten. Die USA haben offensichtlich sehr starke Automobil- und Aerospacemärkte, so dass die Technologien immer komplexer werden. Wir sehen da viele Möglichkeiten, die Programmierung zu unterstützen.

Sie nehmen zurzeit am German Accelerator Southeast Asia teil.

Emgiholz: Ja, seit wenigen Wochen. Unser Co-Founder Weihua Sheng ist gerade vor Ort in Singapur. In Japan, China und Südkorea sind wir ja schon aktiv: Und jetzt geht es eben auch nach Südostasien.

Ihr Co-Gründer Weihua Sheng ist Chinese, hat in Deutschland studiert und hat inzwischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Sicher ein Vorteil für das Team, oder?

Emigholz: Definitiv! Gerade auch wegen des chinesischen Marktes, den wir jetzt mehr und mehr angehen wollen. Und auch für unsere Aktivitäten in Japan und die Zusammenarbeit mit den Sales und Presales-Mitarbeitern vor Ort ist es natürlich ein großes Asset, dass wir Weihua mit seinem asiatischen Background im Team haben.

Wie sehen Ihre nächsten unternehmerischen Schritte aus?

Emigholz: Wir haben derzeit 60 Mitarbeiter und werden bis zum Ende des Jahres voraussichtlich noch zehn weitere einstellen. Außerdem haben wir vor anderthalb Monaten eine weitere Finanzierungsrunde über 18 Millionen Dollar mit einem europäischen Venture-Unternehmen geschlossen, um gemeinsam unser Produkt für den Bereich Autonomous Driving weiterzuentwickeln. Unsere Vision ist es, dafür in den nächsten zwölf Monaten eine Plattform für Programmierer zu erstellen.

Sie sind Wirtschaftsingenieur und besetzen den kaufmännischen Part in der Geschäftsführung. Wie gelingt es Ihnen, mit dem rasanten Wachstum von Silexica Schritt zu halten?

Emigholz: Es hat sich in der kurzen Zeit tatsächlich viel geändert. Vor wenigen Jahren waren wir noch ein kleines Team. Alle saßen in einem Raum. Jeder bekam mit, was gerade passiert. Jetzt müssen wir Prozesse einführen, müssen Mitarbeiter fördern. Das sind ganz neue Herausforderungen. Das bedeutet, wenn wir uns nicht weiterentwickeln, können wir den Laden dicht machen. Also haben wir uns Unterstützung geholt. Jim Nicolas war früher CEO bei verschiedenen Computerprozessorherstellern und hat über 30 Jahre Berufs- und Branchenerfahrungen gesammelt, die für uns relevant sind. Als Mitglied unseres Verwaltungsrats coacht er uns zu allen Fragen der Unternehmensführung, sei es zu Personalfragen, zur Produktentwicklung, zu Finanzen usw.

Wenn Sie ein Gründungsteam vor sich hätten, das ein ähnliches Potenzial mitbringt wie seinerzeit das Silexica-Team, was würden Sie ihm raten?

Emigholz: Auch wenn es vielleicht abgedroschen klingt, aber es ist wirklich so: Man sollte so früh und so eng wie möglich mit potenziellen Kunden zusammenarbeiten und sein Produkt entwickeln. Auch wenn man schon ein paar 100.000 Euro Umsatz macht, lohnt es sich, seine technischen und unternehmerischen Vorstellungen immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Von daher kann ich nur jedem empfehlen: Seid mutig, ruft bei Unternehmen und Branchenkennern an und trefft euch auf einen Kaffee.

Stand: August 2018