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SitEinander UG (haftungsbeschränkt)

SitEinander UG (haftungsbeschränkt) v.l.n.r.: Anna-Lena Gerber, Ulrike-Marie Gerber und Henrike-Marie Gerber
© SitEinander UG (haftungsbeschränkt)

„Man muss sehr genau hinhören, wenn man wissen möchte, welche Chancen die eigene Idee bei potenziellen Kunden hat.“

Interview mit Anna-Lena Gerber

Frischgebackene Eltern sind froh, wenn Sie die Möglichkeit erhalten, andere Eltern kennenzulernen und sich auszutauschen. Geradezu perfekt ist es, wenn sie sich auch noch darauf verständigen können, gegenseitig auf die Kinder aufzupassen. Genau dafür haben Anna-Lena Gerber von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) und ihr Team eine App entwickelt. Sie ist das richtige Tool um junge Eltern miteinander zu vernetzen.

Frau Gerber, worum genau geht es bei Ihrer App?
Gerber: Unsere App hilft Eltern dabei, sich mit anderen Familien in der Nachbarschaft zu vernetzen, um Freundschaften zu gründen, aber vor allem auch, um sich gegenseitig zu unterstützen – ganz besonders in der gegenseitigen Kinderbetreuung.

Und wie ist die Idee entstanden?
Gerber: Ich habe einige Zeit als Erzieherin gearbeitet und dann internationale Betriebswirtschaftslehre studiert mit dem Fokus auf Entrepreneurship und digitalem Marketing. Anschließend wollte ich unbedingt irgendetwas im Bereich Familien und Kinderbetreuung machen. Die Idee dazu begegnete mir dann bei meinem Aufenthalt in Kanada. Dort gibt es Babysitting Coop. Das sind Eltern, die sich, zusammengeschlossen haben und sich gegenseitig bei der Kinderbetreuung helfen, anstatt einen Babysitter zu holen. Ich fand die Idee cool und dachte mir, dass wir etwas Ähnliches in Deutschland mit Hilfe einer App anbieten könnten.

Ließ sich die Idee 1:1 so übertragen?
Gerber: Nicht ganz, wir mussten den Fokus schon etwas ändern. Zuerst wollten wir eine App entwickeln, die Eltern zum gegenseitigen Babysitten zusammenzubringt. Wir haben aber dann relativ schnell gemerkt, dass das so nicht funktioniert. Es dauert einfach eine Weile bis man jemandem vertraut und ihr oder ihm sein Kind zur Betreuung überlässt. Aus diesem Grund steht jetzt das Kennenlernen und Netzwerken im Mittelpunkt unserer App.

Wer gehört zu Ihrem Team?
Gerber: Ich habe zusammen mit meinen beiden Schwestern Henrike-Marie und Ulrike-Marie die SitEinander UG gegründet. Henrike hat Tourismus-Management und Ulrike hat Sinologie studiert – sie ist auch selber Mutter. Ulrike hat sich dann in den Marketing-Bereich einarbeitet und Henrike ist zuständig für administrative und operationale Angelegenheiten. Ich selbst bin zuständig für Produkt, Finanzierung und das Team. Im Rahmen der EXIST-Förderung kamen dann noch über unser persönliches Netzwerk Caro Pankrath für den technischen Part und Adam Ferns als Designer dazu. Caro ist aber mittlerweile in Elternzeit, so dass wir jetzt einen neuen Entwickler haben.

Sie selbst gehören eher zu den technischen Laien. Wie findet man da den oder die richtige Programmiererin bzw. Programmierer?
Gerber: Das war mit das Schwierigste. Caro konnte das nicht alleine übernehmen, weil ihre Erfahrungen für die Entwicklung einer App nicht ausreichten. Sie ist eher die technische Projektleiterin. Wir haben also einen Entwickler an Bord geholt. Das lief aber nicht so gut. Anschließend haben wir eine Entwickler-Agentur im Ausland beauftragt, aber auch das lief leider nicht so wie von uns erhofft. Danach haben wir es mit zwei Freelancern versucht. Um es kurz zu machen: Es war alles in allem ein ziemlich holpriger Weg. Einen Mitarbeiter oder Dienstleister zu finden, der die Idee technisch so umsetzt, wie man es sich vorstellt ist, wirklich eine große Herausforderung. So richtig gut funktioniert es eigentlich erst seit diesem Januar, seitdem ist Marco mit dabei, der inzwischen auch unser CTO ist.

Und wie sieht es mit der Kommunikation aus? Die ist mit Techies auch nicht immer so einfach.
Gerber: Mittlerweile habe ich da viel gelernt, vor allem durch die Fehler, die wir gemacht haben. Allein dadurch ist unser Wissensstand enorm gestiegen. Und wir haben wirklich das Glück, dass Marco sehr kommunikativ ist, was für einen Softwareentwickler eher ungewöhnlich ist – glaube ich. Wahrscheinlich klappt es deswegen auch so gut.

Die App bekannt zu machen und an die Frau und den Mann zu bringen, ist auch nicht einfach. Mit dem Einstellen im App Store ist es nicht getan. Wie gehen Sie vor?
Gerber: Ich glaube, da haben wir tatsächlich Vorteile gegenüber anderen Start-ups, weil unsere Zielgruppe sehr einfach zu identifizieren ist. Wir wissen, wo sich Eltern treffen und wie wir sie erreichen können. Zum einen haben wir uns zum Beispiel in die vielen Facebook-Gruppen von Eltern eingeklinkt. Wir haben das wirklich guerilla-marketingmäßig gemacht, kein Geld für Facebook-Apps ausgegeben, sondern direkt an die Facebook-Gruppen geschrieben: „Hey, das gibt es, wir probieren das aus.“ Daraufhin gab es sehr viel Rücklauf. Zum anderen gehen wir auch auf Spielplätze und verteilen unseren Flyer. Auch das funktioniert super.

Das heißt, Sie haben jetzt erst mal nur Berliner Eltern auf dem Schirm?
Gerber: Anfangs hatten wir in ganz Deutschland Werbung in Pressemedien geschaltet. Aber das war für unser Businessmodell nicht die richtige Strategie. Unsere App funktioniert nur, wenn viele Eltern aus der Nachbarschaft sich anmelden. Deswegen gehen wir jetzt anders vor und betreiben erst einmal nur in einzelnen Berliner Bezirken intensive Akquise, auch wenn wir in anderen größeren Städten bereits registrierte Eltern haben. Aber zunächst einmal soll es in Berlin richtig gut funktionieren, dann konzentrieren wir uns auch verstärkt auf andere Städte.

Reden wir über Geld. An welcher Stelle erzielen Sie Ihren Umsatz?
Gerber: Da halten wir uns an die großen Apps, die uns am ähnlichsten sind. Das sind zum Beispiel Dating-Apps oder auch Mütter-Netzwerk-Apps, die es zum Beispiel in den USA oder Großbritannien gibt. Die arbeiten mit Mitgliedschaften. Wir testen in den nächsten Wochen verschiedene Funktionen aus, die wir in eine Premium-Funktion überführen wollen. Dazu gehört zum Beispiel alles, was mit Babysitting zu tun hat oder mit der Organisation zum gegenseitigen Kinderbetreuen, aber auch Werbung. Die Zielgruppe Eltern ist für sehr viele Unternehmen von Interesse.

Wie zufrieden sind Sie mit der bisherigen Entwicklung Ihres Unternehmens?
Gerber: Wir haben, wie jedes Start-up, Fehler gemacht oder Entscheidungen zu spät getroffen. Aber das gehört dazu. Seit Januar sind wir alle glücklich mit dem Team und es geht wirklich schnell voran.

Zu hören, welche Fehler Gründerinnen und Gründer gemacht haben, ist immer spannend. Verraten Sie uns ein paar?
Gerber: Wir hatten zum Beispiel nicht die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt im Team. Ich kann daher nur empfehlen, sich wirklich die besten Leute zu suchen und dafür auch viel Zeit zu investieren und nicht den Nächstbesten zu nehmen, sondern mit mehreren Leuten intensive Gespräche zu führen und zu vergleichen. Man merkt einfach, wenn es klickt und passt. Ganz wichtig ist, dass man darüber spricht, was man sich von dem fertigen Produkt verspricht und welche Werte man vertreten möchte. Uns ist es zum Beispiel sehr wichtig, dass wir frei arbeiten können. Keiner muss hier um neun Uhr morgens im Büro sein. Entscheidend sind die Ergebnisse. Ansonsten kann jeder arbeiten, wo und wann er möchte. Das klappt wirklich gut bei uns.
Ein weiterer Fehler war, dass wir viel zu früh mit dem Marketing angefangen haben, obwohl das Produkt noch gar nicht ausgereift war.

Sie sagten eingangs, dass Sie den Fokus der App verändert haben. Wie kam es dazu?
Gerber: Wir waren davon ausgegangen, dass unsere Idee einer Babysitting Coop genau das ist, was Eltern wollen. Natürlich haben wir vorab viele Interviews mit Eltern geführt, aber letztlich haben wir dabei nur das rausgehört, was wir hören wollten und deswegen viel zu lange an einer Idee gebastelt, die gar nicht den Nutzerbedürfnissen entsprochen hat. Wir haben erst viel später erkannt, dass Eltern vor allem erst einmal andere Eltern kennenlernen und erst später entscheiden wollen, ob sie tatsächlich ihre Kinder gegenseitig betreuen möchten.

Das hatten Sie anfangs ein bisschen ausgeblendet?
Gerber: Ja, wir haben gedacht, dass wir mit unserer Babysitting Coop genau richtig liegen. Viele haben ja auch gesagt, dass sie die Idee gut finden, aber genutzt wurde unser Angebot trotzdem nicht. Und dass es nicht genutzt wurde, haben wir zu lange ignoriert. Das bedeutet, man muss wirklich sehr genau hinhören und auch selbstkritisch nachfragen, wenn man wissen möchte, welche Chancen die eigene Idee bei potenziellen Kunden hat.

Wie sieht es mit Ihren unternehmerischen Skills aus? Sie haben BWL studiert mit dem Schwerpunkt Entrepreneurship, insofern war Ihnen das ganze Thema Gründung nicht fremd.
Gerber: Das Studium an sich reichte, um die Begeisterung aufzubauen. Aber alles andere – also Fundraising, Vertragsgestaltung oder Finanzplanung –, das war eher Learning by Doing. Was mir wirklich sehr geholfen hat, war die Teilnahme am Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg . Dabei hat mich auch das Gründungszentrum der Viadrina sehr unterstützt. Auch während der EXIST-Phase, als es um Fragen oder die Suche nach Mentoren ging, waren die Mitarbeiter der Viadrina immer sofort da und haben uns geholfen.

EXIST-Gründerstipendium ist seit März 2020 ausgelaufen. Hat es mit der Anschlussfinanzierung geklappt?
Gerber: Ja, da hatten wir Glück vom Timing her. Wir wurden im Januar beim Techstars Berlin Accelerator angenommen, einem der drei größten Acceleratoren der Welt. Wir haben aber darüber hinaus auch Business Angels, die mit dem Start des EXIST-Gründerstipendiums bei uns eingestiegen sind.

Macht Ihnen Corona zu schaffen?
Gerber: Die Investoren sind alle etwas vorsichtiger geworden. Insofern ist es jetzt schwieriger, sie davon zu überzeugen, dass das trotzdem funktioniert. Aber wir sind zuversichtlich, denn der Markt für Family-Tech wächst weltweit.

Ansonsten hat Corona unser Geschäft eher angekurbelt. Als die Kitas geschlossen wurden, hatten Eltern plötzlich einen viel größeren Bedarf, sich miteinander auszutauschen und zu unterstützen. Am Anfang, als noch niemand wusste, was passiert, war es natürlich ziemlich stressig. Viele Eltern hatten Fragen, die wir nicht beantworten konnten. Aber mittlerweile haben wir uns da eingegroovt.

Sie haben schon jede Menge Tipps für andere Gründerinnen und Gründer genannt. Gibt es weitere?
Gerber: Ich finde es wichtig, Mentoren oder Berater einzubeziehen. Die sollten allerdings auch eigene unternehmerische Erfahrungen mitbringen und ein eigenes Business aufgebaut haben.

Ein zweiter Tipp ist, sich mit anderen Gründerinnen und Gründern zusammenzutun. Manche Dinge kann und will man nicht mit seinem Team besprechen. Da ist der Austausch von CEO zu CEO schon besser.

Stand: Juli 2020

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