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mHealth Pioneers GmbH

mHealth Pioneers GmbH Paul Burggraf, Friedrich Lämmel, John Trimpop
© Thryve | mHealth Pioneers GmbH

„In unseren Augen eignet sich ein Instrument wie EXIST-Forschungstransfer extrem gut dafür, technologiegestützte Innovationen auf solider Basis in den Markt zu bringen.“

Interview mit Friedrich Lämmel

Mit einem Team aus Wissenschaftlern des Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung in Rostock und externen industrieerfahrenen Partnern ist die mHealth Pioneers GmbH 2016 an den Start gegangen. Die Ausgründung entwickelt Software für digitale Anwendungen in der Gesundheitsbranche. Bei ihrem erfolgreichen Markteintritt unter dem Namen Thryve wurde sie von EXIST-Forschungstransfer unterstützt.

Herr Lämmel, Sie bieten ein Software Development Kit für die Gesundheitsbranche an. Was hat es damit auf sich?
Lämmel: Dank der fortschreitenden Digitalisierung können heute mit Hilfe von Fitnesstrackern und anderen Tools individuelle Daten erhoben werden, die für Diagnosen und Therapien von Krankheiten sehr wichtig sind. Dazu gehören beispielsweise Daten zur Bewegung, zum Schlafverhalten, zu Blutdruck, Puls, Atmung usw.

Unsere Technologie ermöglicht es nun, alle diese Einzeldaten unabhängig von der Quelle zusammenzufassen und in einem einheitlichen Datenformat zur Verfügung zu stellen. Damit lassen sich Aussagen über den Gesundheitszustand der jeweiligen Patienten bzw. Anwender treffen. Wir greifen dabei auf die offenen Schnittstellen von tragbaren Blutdruck- oder Blutzuckermessgeräten und weiteren Wearables zu – vorausgesetzt der Nutzer gibt dazu seine Einwilligung – sowie Sensordaten von Smartphones oder Smartwatches. Die von uns aufbereiteten Daten ermöglichen damit Betreibern digitaler Gesundheitsanwendungen sowie Kliniken, Ärzten und anderen medizinischen Dienstleistern beispielsweise im Rahmen ihrer Diabetes-, Reha- oder Depressionstherapie ihre Versorgung noch enger am Patienten auszurichten.

Man kann sich das Ganze als eine Art standardisiertes Technologiemodul vorstellen, das mehrere Leistungen beinhaltet. Im Grunde ist es vergleichbar zu der Entwicklung im elektronischen Handel. Vor etwa 15 Jahren musste sich jeder Händler noch selbst um die Anbindung seines Onlineshops an ein Bezahlsystem oder Produktbewertungssystem kümmern. Inzwischen gibt es spezialisierte Anbieter, die diese einzelnen Komponenten als Paket anbieten.

Ihre Technologie scheint gut anzukommen. Ihr Kundenportfolio ist beachtlich.
Lämmel: Ja, die Bandbreite unserer Kunden reicht von Finnland bis nach Israel, von Versicherungsgesellschaften über Forschungsinstitute wie die Charité bis hin zu Start-ups und Industrieunternehmen. Allen gemeinsam ist, dass sie einen digitalen Service im Bereich Prävention bzw. Gesundheit anbieten.

Wie akquirieren Sie Ihre Kunden?
Lämmel: Eine große Rolle spielen Mundpropaganda und Kundenempfehlungen. Das Netzwerk ist eng und die Szene im Digital-Health-Umfeld ist nicht groß. Preise und Auszeichnungen sind natürlich auch wichtig. Wir haben zum Beispiel im Juni 2019 in Helsinki den Unternehmenswettbewerb der Health 2.0 gewonnen. Auch das sorgt für öffentliche Wahrnehmung. Darüber hinaus sprechen wir potenzielle Kunden auch direkt an.

Sie haben EXIST-Forschungstransfer erhalten und sind im Oktober 2016 an den Markt gegangen. Wie ist es Ihrem Start-up seither ergangen?
Lämmel: Operativ sind wir seit April 2017 eigenständig. Eigentlich wollten wir damals ausschließlich Gesundheitsmonitoring per Smartwatch anbieten. Wir haben aber dann relativ schnell erkannt, dass die Marktdynamik bei den Smartwatches nicht schnell genug ist. Gleichzeitig haben wir gesehen, dass Wettbewerber mit eigenen Entwicklungen einen relevanten Marktanteil halten und ihre Portfolio von einfach zu bedienenden, komfortablen, vernetzten Messgeräten für die Gesundheit ausbauen. Daher haben wir unsere Anwendung noch einmal überarbeitet und erweitert und binden dabei mittlerweile alle großen Hersteller gesundheitsrelevanter Messgeräte ein. Die Strategie war erfolgreich. Neben unserem Kundenstamm finanzieren mittlerweile Investoren sowohl aus dem Gesundheitsbereich als auch aus dem Venture- und Finanzbereich unser weiteres Wachstum. Insgesamt sind wir daher sehr zufrieden damit, wie sich das Unternehmen entwickelt hat.

Bei Ihrem Unternehmen handelt es sich um eine Ausgründung aus dem Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung in Rostock . Wie gründungsaffin ist man dort?
Lämmel: Das Fraunhofer Institut zeichnet sich durch eine sehr anwendungsnahe Forschung aus. Typischerweise ist man mit den Technologien, die bei Fraunhofer entwickelt werden, schon sehr nah an einer wirtschaftlichen Verwertung. Der Leiter der damaligen Projektgruppe, Dr. Gerald Bieber, hatte selbst bereits Ausgründungswettbewerbe gewonnen und konnte uns bei der Antragsphase für EXIST-Forschungstransfer daher sehr gut unterstützen. Darüber hinaus konnten wir jederzeit auf alle für uns relevanten Forschungsergebnisse, Vorarbeiten usw. zurückgreifen und uns natürlich auch mit den Kollegen austauschen. Insofern haben wir jederzeit bei Bedarf Unterstützung erhalten.

Eine sehr wichtige Rolle hat in dem Zusammenhang auch das Mentoring des stellvertretenden Institutsleiters Dr. Matthias Unbescheiden gespielt. Er hat bereits mehrere Ausgründungen begleitet und konnte uns darüber hinaus durch das weit verzweigte Fraunhofer-Forschungskonstrukt lotsen. Mit seiner Hilfe konnten wir all die kleinen Fallstricke und Hürden innerhalb des Ausgründungsprozesses überwinden.

Sie haben zusammen mit Paul Burggraf als Externe das Gründungsteam ergänzt. Wie kam es dazu?
Lämmel: Ja, das war auf Initiative von Dr. Gerald Bieber. Von der Fraunhofer-Seite her waren zunächst er und John Trimpop im Gründungsteam. John hatte aufgrund seines familiären Umfeldes schon lange den Wunsch, sich beruflich selbständig zu machen. Er ist derjenige, der sich am besten von uns in den Tiefen der Algorithmen auskennt. Nach Einschätzung von Dr. Bieber, der sich dann doch dafür entschieden hatte, im IGD zu bleiben, fehlten allerdings noch Partner mit Industrieerfahrung, so dass Paul Burggraf und ich über private Kontakte hinzukamen. Paul ist Spezialist im Bereich Bio-Complexity-Modeling und war zuvor für die Strategieentwicklung europäischer Konzerne im Chemie- und Energiesektor verantwortlich. In diesem Bereich lehrt er auch immer noch an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Die Industriekompetenz bzw. der Aufbau der System-Architektur wurde von mir abgedeckt.

Sie haben zu Dritt gegründet, ohne sich vorher wirklich gut zu kennen. Wie sind Sie vorgegangen?
Lämmel: Auf der fachlichen Ebene gab es von Anfang an großen Respekt für den Erfahrungsvorsprung des jeweils anderen und auch eine Akzeptanz, dass man sich die fachlichen Felder sehr gut aufteilt. Natürlich muss sich in so einem Team erst einmal die Rollenverteilung finden. Da wir aber von Anfang an sehr kritisch und offen miteinander diskutiert haben, konnten wir eine sehr positive interne Kommunikationskultur aufbauen, die uns jede Menge Fehler erspart hat. In der aktuellen Konstellation sind wir drei gleichberechtigte Geschäftsführer und ergänzen uns sehr gut.

Und wie geht es weiter mit mHealth Pioneers bzw. Thryve?
Lämmel: Wir konzentrieren uns gerade auf das europaweite Wachstum und auf die Kundenakquise. Außerdem wollen wir die Mitarbeiterzahl verdoppeln. Aktuell haben wir zehn Mitarbeiter aus sieben Nationen – ein bunt gemischtes Team. Und nicht zuletzt werden wir weitere Anwendungsfälle beim Gesundheits-Monitoring erschließen.

Haben Sie noch Tipps für andere Gründungsteams parat?
Lämmel: Wir haben sehr gute Erfahrungen mit unserer offenen und konstruktiven Gesprächskultur gemacht. Es gab nie ein „Wir-machen-das-jetzt-einfach“, sondern immer ein konstruktives Hinterfragen: Was ist das Beste für das Unternehmen?

Ansonsten herrscht im Gründungsumfeld natürlich ein ständiges Auf und Ab an positiven und negativen Signalen. Aber es lohnt sich durchzuhalten und daran zu glauben, dass das, was man tut, richtig ist. Vorausgesetzt, man hat sich auf Basis der offenen Diskussionskultur ein stimmiges und solides Bild davon gemacht, was man mit dem Unternehmen erreichen möchte.

Ergänzen möchte ich noch, dass wir ohne jedes Drumherum wirklich dankbar für EXIST-Forschungstransfer sind. Ohne diese Möglichkeit hätten wir weder das Fraunhofer Institut überzeugen können, mit der Technologie eine Ausgründung zu ermöglichen, noch selbst die finanziellen Mittel gehabt, das Ganze umzusetzen. Man sagt häufig, dass es Gründer in Deutschland schwerer hätten an Kapital zu kommen als in den USA. Aber in unseren Augen eignet sich ein Instrument wie EXIST-Forschungstransfer extrem gut dafür, technologiegestützte Innovationen auf solider Basis in den Markt zu bringen. Wir können daher nur jedem ans Herz legen, EXIST zu nutzen, weil es die Anlaufphase der Gründung extrem unterstützt.

Stand: August 2019

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