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EXIST-Potentiale: Digitale Veranstaltungen als Antwort auf Corona

Im vergangenen Herbst wurden die Preisträger des Wettbewerbs EXIST-Potentiale in Berlin vorgestellt. In diesem Jahr sollten die Projekte der 142 prämierten Hochschulen mit groß angelegten Auftaktveranstaltungen, Netzwerkevents und Workshops starten. Doch dann kam Corona. Wir haben VertreterInnen der Technischen Hochschule Köln, der Hochschule Geisenheim und der Universität Leipzig gefragt, wie sie mit dieser Herausforderung umgehen und welche Erfahrungen sie mit alternativen (digitalen) Veranstaltungen gemacht haben.

Online-Bildung und E-Learning über digitales Gerät – Vektor Illustration © iStock - UnitoneVector

„Natürlich hatten wir uns die Kick-off-Veranstaltung für unseren International Start-up Campus anders vorgestellt“, sagt Gunnar Kaßberg von der Universität Leipzig. „Aber dann ist eben coronabedingt aus den ursprünglich geplanten beiden Präsenzveranstaltungen ein 90-minütiges Zoom-Meeting geworden.“ Die Online-Veranstaltung am 1. Juli war der digitale Startschuss für den International Start-up Campus. Der soll zukünftig Gründungsteams an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Universität Leipzig fit für den internationalen Markt machen. Gefördert wird das Projekt im Rahmen des EXIST-Potentiale Schwerpunkts „International überzeugen“.

Unter dem Strich sei es eine gelungene Auftaktveranstaltung gewesen, so Gunnar Kaßberg: „Konkret sah es so aus, dass wir zusammen mit den beiden anderen Uni-Standorten Jena und Halle ein Online-Meeting durchgeführt haben. Gesendet wurde also aus drei Hochschulen. Vor Ort waren jeweils ein Moderator, Vertreter der jeweiligen Hochschulleitungen, die das ISC-Projekt vorstellten, sowie ein bis zwei international aufgestellte Gründerinnen und Gründer, die über ihre Erfahrungen berichtet haben. Um uns möglichst eng am Informationsbedarf der etwa 140 Teilnehmenden zu orientieren, haben wir zu Beginn der Veranstaltung eine kleine Umfrage durchgeführt. Wir wollten wissen, ob und wie viele von ihnen aus der Gründungsberatung und der Universitätsadministration kamen oder tatsächliche Gründerinnen und Gründer waren. Dass die abwechslungsreiche Veranstaltung gut ankam, haben uns alle Beteiligten am Ende der Veranstaltung bestätigt – ebenfalls im Rahmen einer kleinen Umfrage. Von daher können wir ganz zufrieden sein.“

Zufrieden waren auch die Veranstalter der Kick-off-Veranstaltung anlässlich der Eröffnung „Gründungsfabrik Rheingau“. Über 100 Interessenten konnten die Projektkoordinatoren Rama Suleiman von der Hochschule Geisenheim University und Dr. Christoph Munck von der EBS Universität für Wirtschaft und Recht am 3. Juni per Live-Stream begrüßen. Anschließend ging es per Video-Rundgang durch die Räumlichkeiten der Gründungsfabrik – einem unter Denkmalschutz stehenden Fabrikgebäude. Den Höhepunkt der Veranstaltung bildeten die Live-Pitches von zwei Gründungsteams, die jede Menge damit zu tun hatten, Fragen aus dem per Chatfunktion zugeschalteten Publikum zu beantworten. Nach der erfolgreichen Auftaktveranstaltung hat die „Gründungsfabrik Rheingau“ nun die Arbeit aufgenommen und wird dabei weitere Digitalformate anbieten. Wobei es für Rama Suleiman auch einen Wermutstropfen gibt: „Unser Konzept der Gründungsfabrik Rheingau sah ursprünglich vor, dass wir ein gemeinsames Haus beleben und unser Netzwerk dadurch ausbauen wollen. Aber hier macht uns Corona erstmal einen Strich durch die Rechnung. Das ist natürlich eine Herausforderung.“ Gefördert wird das Projekt im Rahmen des EXIST-Potentiale Schwerpunkts „Potentiale heben“.

Mit Einschränkung: digitales Networking
Dass die digitalen Möglichkeiten vor allem beim Thema Netzwerken an ihre Grenzen stoßen, findet auch Professor Kai Thürbach von der Technischen Hochschule Köln. „Wir tauschen uns natürlich intern mit allen Projektpartnern regelmäßig online aus, um unser Projekt auch unter den aktuellen Bedingungen voranzutreiben. Aber auf eine großangelegte digitale Kick-off-Veranstaltung haben wir verzichtet, weil es einfach nicht zu unserem Projekt passt.“ Gemeint ist das EXIST-geförderte Projekt „Fit for Invest“. Es hat das Ziel, Investoren und Gründungsteams in der Region Köln zu vernetzen und damit Know-how, Innovationen und Kapital auf einer engen persönlichen Basis zusammenzubringen. Daran beteiligt sind die Technische Hochschule Köln, die Universität zu Köln, die Deutsche Sporthochschule Köln, die Rheinische Fachhochschule Köln und das hochschulgründernetz cologne e.V. Gefördert wird das Projekt im Rahmen des EXIST-Potentiale Schwerpunkts „Regional vernetzen“.

Webkonferenz © iStock - Melpomenem

Deren bisherige interne Online-Meetings haben nicht zuletzt deshalb so gut und reibungslos funktioniert, weil sich alle Beteiligten bereits recht gut kannten und die wesentlichen Pflöcke schon eingeschlagen waren, ist Professor Thürbach überzeugt. Schließlich ging es darum, nicht nur die unterschiedlichen Kölner Hochschulen, sondern auch eine sehr heterogene Kölner Gründer- und Investorenszene für das gemeinsame Vorhaben an einen Tisch zu bekommen. „Wenn wir jetzt noch ganz am Anfang gewesen wären, bezweifle ich, dass alles so gut geklappt hätte. Im Vorfeld muss man einfach die Chance haben, auch kritische Dinge anzusprechen und mit viel Zeit und Ruhe darüber zu diskutieren. Aber dazu muss man sich gegenübersitzen, das funktioniert digital weniger gut. Online klappt alles sehr gut, solange die Agenda klar ist und die beteiligten Teilnehmerinnen und Teilnehmer wenig Diskussionsbedarf haben, sodass man nur noch Sachprobleme auf einer professionellen Ebene besprechen muss. Wenn man sich dagegen noch nicht kennt, wenn man noch nicht weiß, wie der andere denkt, wenn bestimmte Themen noch nicht geklärt sind, würde ich das anders bewerten.“ Grund genug für die „Fit for Invest“-Akteure ihre offizielle Auftaktveranstaltung ins nächste Jahr zu verschieben und auch zukünftig virtuelle Formate nur „wohldosiert“ anzubieten. Professor Thürbach: „Mit Fit for Invest wollen wir intensive Netzwerke schaffen und persönliche Beziehungen aufbauen, die in eine Investition münden können. Dazu müssen sich Investoren und Gründungsteams auf einer physischen Ebene kennenlernen. Ergänzend kann man sich natürlich über digitale Kanäle austauschen. Reine Gründungsberatung oder Vortragsveranstaltungen bieten wir auch digital an. Das geht gut – es kommt aber immer auf das Ziel einer Veranstaltung an.“

Dass digitale Formate den direkten persönlichen Kontakt nicht ersetzen können, sagt auch Dr. Elena Siebrecht, Wissenstransfermanagerin an der Hochschule Geisenheim: „Wenn man Menschen aus unterschiedlichen Institutionen zu einem Thema in einem Raum zusammenbringt, wirkt das unglaublich inspirierend. Ende Januar hatten wir zum Beispiel bei einer Pitch-Veranstaltung erlebt, wie Gründerinnen, Gründer und Investoren beim anschließenden Kaffee ins Gespräch gekommen sind. Das hat wahnsinnig gut funktioniert. Und das fehlt uns schon sehr, muss ich sagen.“

Etwas optimistischer schätzt Gunnar Kaßberg das Potential von online-Formaten beim Thema Vernetzung ein: „Wir werden die Kompetenzen unserer Gründungsteams, die auf den asiatischen Markt wollen, stärken, indem wir IT-Absolventen zum Beispiel aus Vietnam in die Teams zu holen. Das bedeutet, wir produzieren Videos, in denen unsere Gründerinnen und Gründern schildern, welches Problem sie gerne mit einem neuen Teammitglied lösen würden. Und dann veröffentlichen wir diese Videos in unserem vietnamesischen Netzwerk. Idealerweise melden sich dann zehn, zwanzig, dreißig Interessenten, die sich in einem Zwei-Minuten-Videopitch vorstellen, so dass sich unsere Teams einen geeigneten Bewerber aussuchen können. Starten werden wir damit im vierten Quartal dieses Jahres.“

Positive Bilanz: Digitale Gründungsseminare
Trotz der vielversprechenden Erwartungen an den internationalen digitalen Brückenschlag, hofft man auch in Leipzig, Halle und Jena aufs nächste Jahr. Dann sollen sechs bis acht Gründungsteams ganz real nach China und Vietnam reisen, was eigentlich für dieses Jahr geplant war. Immerhin: Die Vorbereitungsseminare dafür fanden bereits statt. Gunnar Kaßberg: „Die Corona-Pandemie zeichnete sich ja schon im März ab. Wir hatten also genug Zeit, die ursprünglich als Präsenzveranstaltungen geplanten Seminare umzustrukturieren. Das Ergebnis war unter anderem ein sehr gelungenes Online-Seminar, an dem die deutsche Auslandshandelskammer Greater China als Gast teilgenommen hat. Entscheidend für den Erfolg einer solchen Veranstaltung sind natürlich die technischen Voraussetzungen. Man benötigt Tools, um die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wie bei einem Präsenzseminar immer wieder aktiv einzubeziehen. Wir haben zum Beispiel ein Soft-Landing-Programm entwickelt, bei dem unsere Gründungsteams von Experten online gecoached werden, um unter anderem interkulturelle Kompetenzen aufzubauen und Pitches vorzubereiten. Die Expertinnen und Experten sitzen dabei entweder in Deutschland oder auch vor Ort in China. Darüber hinaus werden wir Match-Making-Veranstaltungen mit potenziellen Kunden und Zulieferern aus China durchführen, so dass erste Kontakte entstehen, die dann hoffentlich im nächsten Jahr vor Ort intensiviert werden können.“

Auch in Geisenheim hat man in den letzten Wochen und Monaten gute Erfahrungen mit digitalen Informationsveranstaltungen gemacht. In Kürze startet zum Beispiel ein Businessplan-Workshop, der per Zoom im Hybrid-Format von der Gründungsfabrik Rheingau aus moderiert wird. Expertinnen und Experten zu Detailthemen werden entweder dazu geschaltet oder sind - mit Abstand – vor Ort in der Gründungsfabrik. „Die individuelle Betreuung der etwa zwölf Teilnehmerinnen und Teilnehmer spielt dabei eine wichtige Rolle“, so Rama Suleiman. „Der Workshop findet an drei Wochenenden im Abstand von drei Wochen statt. Und in diesen drei Wochen haben die Teilnehmenden die Möglichkeit, mit den Experten Kontakt aufzunehmen und Fragen zu stellen. Sollte Bedarf an einem Face-to-Face-Gespräch bestehen, gibt es immer die Möglichkeit, sich in der Gründungsfabrik zu treffen.“

Unternehmerisches Know-how werden auch die Kölner im Rahmen von „Fit for Invest“ vermitteln. Aktuell werden dafür digitale Formate entwickelt. Der Schwerpunkt bleibt jedoch bei intensiven Präsenzveranstaltungen. Professor Thürbach: „Die sogenannten Booster-Veranstaltungen sind zum Teil als ganztägige Workshops für besonders ausgewählte Teilnehmerinnen und Teilnehmer konzipiert. Da werden intensive Diskussionen stattfinden. Die funktionieren besser, wenn alle physisch in einem Raum sitzen. Das bedeutet, auch wenn wir gerade komplementäre digitale Formate entwickeln, werden wir mit einem Teil des Programms erst im nächsten Jahr starten, sobald die Studierenden sich wieder an der Hochschule aufhalten dürfen.“

Trotz aller Widrigkeiten durch Corona, sind die Hochschulen unter dem Strich mit der bisherigen Planung und Umsetzung zufrieden. Dr. Elena Siebrecht von der Hochschule Geisenheim kann der aktuellen Situation sogar etwas Gutes abgewinnen: „Es ist eine dankbare Aufgabe, in dieser Zeit die Gelegenheit zu haben, die Wirtschaft mit innovativen Ideen zu unterstützen. Das EXIST-Programm an sich ist ja sowieso schon eine tolle Sache, aber unter den gegebenen Umständen nicht untätig sein zu müssen, bedeutet uns sehr viel.“

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