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Gründen in Zeiten von Corona

Wie steht es um den Gründergeist in Zeiten der Pandemie? Wie können Start-ups ihren Markteintritt bewerkstelligen? Das haben wir die Gründungsberaterinnen und Gründungsberater an der Universität Stuttgart, der Leibniz Universität Hannover und SRH Heidelberg gefragt.

Das Erstaunlichste vorweg: Corona konnte dem Gründergeist an Hochschulen bislang nichts anhaben. Diese Erfahrung hat zum Beispiel Claudia Böhnke von der TTI – Technologie-Transfer-Initiative GmbH an der Universität Stuttgart gemacht: „Nein, bei uns hat sich eigentlich nichts geändert. Die Zahl der Erstberatungen von Alumni sowie wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern war mit 46 im Vergleich zu den Vorjahren unverändert.“ Auch an der Leibniz Universität Hannover gab es keinen Rückgang des Gründungsinteresses. „Wenn überhaupt, war nur in den ersten Monaten der Pandemie ein leicht nachlassendes Gründungsinteresse zu spüren“, sagt Tobias Quebe, Leiter von starting business, dem Gründungsservice der Leibniz Universität Hannover und der Wirtschaftsförderungsgesellschaft hannoverimpuls: „Das lag aber eher daran, dass die Sichtbarkeit der Gründungsberatung etwas nachgelassen hat. Unser Büro auf dem Campus ist ja aufgrund des Lockdowns geschlossen. Diese zentrale Präsenz hatte uns immer in die Karten gespielt. Hinzu kamen Plakate, Flyer und Mundpropaganda. All das musste nun durch digitale Auftritte irgendwie ersetzt werden.“ An der SRH Hochschule Heidelberg, der bundesweit größten privaten Hochschule, ist das Gründungsinteresse ebenfalls ungebrochen, stellt Professor Bernhard Küppers, Leiter des dortigen Gründer-Instituts, fest: „Die Studierenden sind nach wie vor an Gründungen interessiert. Sie sind auch ein Stück weit gar nicht mal so sehr verunsichert. Die Frage ist nur, wie sie diese Zeit vernünftig nutzen können, um nach der Pandemie dann mit voller Kraft in den Markt zu starten.“

Das unverminderte Gründungsinteresse zeigt sich dabei vor allem bei denjenigen Gründerinnen und Gründern, die noch am Anfang ihrer Vorbereitungen stehen und gerade dabei sind, ihre Geschäftsidee zu entwickeln und ihren Businessplan auszuarbeiten. Aber wie sieht es mit den Teams aus, die im vergangenen Jahr bereits kurz vor dem Markteintritt standen und erste Kunden akquirieren mussten? „Die haben zunächst einmal abgewartet und überlegt, ob die coronabedingte Situation tatsächlich ein guter Zeitpunkt für einen Markteinstieg ist oder doch eher ein Risiko darstellt. Das hat sicher dazu geführt, dass die eine oder andere Gründung etwas verzögert wurde. Letztlich ist aber der Anteil derjenigen, die wir beraten und die dann auch tatsächlich gründen in etwa vergleichbar mit den Vorjahren. Das bedeutet: Von den 100 bis 125 Projekten, die wir jedes Jahr beraten, haben auch in 2020 etwa 25 bis 30 Prozent gegründet“, so Tobias Quebe. Stabil waren auch die Gründungszahlen an der Universität Stuttgart. Insgesamt 17 Start-ups gingen in 2020 an den Start. Diese Zahlen bestätigen nicht allein einen erfreulichen und nachhaltigen Trend. Sie sind zusätzlich deshalb bemerkenswert, weil das Corona-Jahr 2020 die jungen Start-ups zweifellos vor zusätzliche und ganz besondere Herausforderungen gestellt hat.

Zurückhaltend: B2B-Kunden

Pilotkunden akquirieren, Unternehmenskontakte knüpfen, sich als Start-up präsentieren – all das war in 2020 kaum möglich. Ein wichtiger Grund: Sowohl im In- als auch Ausland fanden keine Messen statt. „Das war für unsere Start-ups natürlich ein klares Manko, weil sie sich mit ihren Produkten potenziellen Kunden nicht vorstellen konnten“, so Claudia Böhnke. „Hinzu kam, dass einige Unternehmen, mit denen bereits strategische Partnerschaften vereinbart waren, sich dann doch etwas bedeckt hielten und nun erst einmal abwarten.“ Diese Zurückhaltung und auch die Nicht-Erreichbarkeit der Unternehmen verursachen den Start-ups nach wie vor am meisten Kopfschmerzen, weiß Professor Küppers: „Das betrifft in erster Linie Teams, die im B2B-Bereich mit ihren potenziellen Kunden nicht ins Geschäft kommen können, da fast alle größeren Unternehmen oder Mittelständler ihre Pilotprojekte und damit die so wichtigen Proof-of-Concepts für die Start-ups auf Eis gelegt haben.“

Risiko: Finanzierungslücke

Prof Bernhard Küppers, Leiter des SRH Gründer-Instituts Prof Bernhard Küppers, Leiter des SRH Gründer-Instituts
© SRH Gründer-Institut

Auf Eis gelegt wurde auch so manche Finanzierungsrunde. Das lag nicht nur an den Geschäftsmodellen der Start-ups, deren Erfolgsprognosen durch die Pandemie nun nicht mehr ganz so vielversprechend sind. Auch der eine oder andere Investor stand mit seinem Unternehmen auf einmal auf wackligen Beinen. Tobias Quebe: „Wir hatten einen Fall, bei dem bei einem unserer Gründer die Vertragsunterzeichnung mit einem Investor so gut wie in trockenen Tüchern hatte. Dieser Investor war in der italienischen Modeindustrie stark aufgestellt. Und genau dort hatte die Corona-Pandemie ja voll zugeschlagen. Das hatte zur Folge, dass der Vertrag nicht zustande kam.“ Immerhin: Drohende Liquiditätsengpässe konnten mit der EXIST-Coronahilfe überbrückt werden. Acht von neun Gründungsteams an der Uni Hannover haben die Möglichkeit einer dreimonatigen Verlängerung ihrer EXIST-Förderung in Anspruch genommen. Nur: Was geschieht nach den drei Monaten, wenn immer noch keine Investoren in Sicht sind? Zum Teil können Förderprogramme der Länder die drohende Finanzlücke auffangen. Professor Küppers nennt ein Beispiel: „Es gibt hier in Baden-Württemberg das Start-up BW Pre Seed-Programm. Das schließt sich in der Regel in Größenordnungen von 200.000 bis 400.000 Euro idealerweise direkt nach EXIST an und ist insofern eine gute Sache. Dennoch ist die Situation weiterhin schwierig für Start-ups, die nach Auslaufen der Förderung auf ein Investment angewiesen sind. Das liegt nicht nur an der teilweisen Zurückhaltung vieler Investoren, sondern auch daran, dass Start-ups keinen Proof of Concept vorlegen können, noch keine Geschäfte angebahnt haben etc., weil die angepeilten Kunden bzw. Unternehmen nicht entscheiden können oder wollen.“

Glas mit Münzen auf Tisch Glas mit Münzen auf Tisch
© iStock - lovelyday12

Gute Chancen: Geschäftsideen, die zum Lockdown passen

Was bleibt Start-ups also übrig? Warten und auf bessere Zeiten hoffen? Nein, so pauschal könne man das nicht sagen, ist Tobias Quebe überzeugt. Er konnte beobachten, dass die Corona-Krise auch unerwartete Kräfte freigesetzt hat: „Es gab Gründungsteams, die in kürzester Zeit trotz der massiven Krise Investitionen sichern konnten, weil neue Investorinnen und Investoren auf den Plan getreten sind. Das hatte unter anderem damit zu tun, dass einige Geschäftsmodelle insbesondere im Bereich der Digitalisierung an Fahrt aufgenommen haben. Ich habe beispielsweise Teams betreut, die Ideen im Bereich des kontaktlosen Bezahlens oder des Online-Handels entwickelt haben. Das sind Geschäftsmodelle, die aus Sicht von Investorinnen und Investoren besonders gut in die Zeit passen.“

Gute Chancen haben auch diejenigen Teams, die ihre Idee noch einmal komplett neu überdenken und neu ausrichten. „Eines unserer Teams beschäftigte sich zum Beispiel mit der Vermittlung von Kreuzfahrtreisen. Nun sind die Kreuzfahrtschiffe ja alle sozusagen im Trockendock. Das Gründungsteam hat sich also überlegt, welche anderen Dienstleistungen es in dem Segment anbieten kann. Im Ergebnis haben sie ihr eigentliches Geschäftsmodell dann zurückgestellt und sind in die Themen Datenauswertung, Datenbereitstellung, Krisenmanagement, Beratung von Kreuzfahrtgesellschaften eingestiegen. Ich finde das ist ein gutes Beispiel für eine große Agilität und das Ergreifen von Chancen in der Krise. Insofern würde ich sagen, klar, es hat einige sicherlich hart getroffen. Aber auf der anderen Seite sind auch Chancen entstanden“, ist sich Tobias Quebe sicher.

Digital aufgestellt: Gründungsberatung

Inwieweit die Pandemie auch für die Gründungsberaterinnen und -berater an den Hochschulen neue Chancen und Wege eröffnet, bleibt abzuwarten. Die Umstellung auf überwiegend digitale Angebote hat für Claudia Böhnke jedenfalls zwei Seiten: „Wenn man die Teams bereits kennt, sind Videokonferenzen durchaus eine Alternative. Aber wenn man mit Neuinteressenten zu tun hat, ist das persönliche Gespräch hier bei uns vor Ort schon angenehmer und auch geeigneter, um einen Eindruck von seinen Gesprächspartnern zu gewinnen. Hinzu kommt, dass die Gründerszene ja auch vom Netzwerken lebt. Digitale Netzwerke sind zwar nicht schlecht, stoßen aber auch an Grenzen, wenn es zum Beispiel um intensivere Gespräche mit denkbaren Co-Foundern oder Mitarbeitern geht.“

Digitale Veranstaltungen Digitale Veranstaltungen
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Rundum zufrieden ist dagegen Tobias Quebe mit dem digitalen Angebot, das er und sein Team auf die Beine gestellt haben: „Wir waren anfangs unsicher, ob unsere digitalen Angebote in gleicher Weise wie unsere Präsenzangebote angenommen werden würden. Rückblickend auf das ganze Jahr kann ich sagen: Das hat hervorragend geklappt. Die Teilnahmezahlen bei den qualifizierenden Formaten waren höher als in den Vorjahren. Das hat natürlich auf der einen Seite damit zu tun, dass in einem virtuellen Raum die Kapazitäten etwas größer sind. Aber auf der anderen Seite waren die Gründerinnen und Gründer auch einfach dankbar, in der Krisensituation diese Hilfestellung schnell und einfach angeboten zu bekommen. Insofern ist schon eine neue Qualität bei uns in der Gründungsberatung entstanden, weil wir praktisch aus der Not heraus Einspar- und Optimierungspotenziale entdeckt haben. Muss eine Gründungsberatungseinheit zwingend eine Stunde dauern, oder geht das nicht auch in einer kürzeren Zeitspanne? Muss eine Entrepreneurship-Vorlesung tatsächlich physisch in einem Hörsaal vor hundert oder zweihundert Personen stattfinden? Oder hat eine virtuelle Veranstaltung, die man zudem für spätere Zwecke dokumentieren kann, für eine größere Zielgruppe nicht viel mehr Sinn?“

Das Thema digitale Formate hat Professor Küppers deutlich weniger Sorgen bereitet. Zum einen, weil das SRH Gründer-Institut in Heidelberg auch die SRH Fernhochschule betreut und insofern digital – technisch, didaktisch und methodisch – bestens aufgestellt ist. Zum anderen, weil das Gründer-Institut auch während der Pandemie geöffnet hat. „Unser Gründer-Institut gilt zum Teil als Betriebsstätte. Das heißt, die Gründerinnen und Gründer tragen selbst die Verantwortung für ihre Büro- und Werkstatträume. Sie entscheiden also, ob sie hier vor Ort arbeiten möchten oder nicht. Das bedeutet, von den aktuell 25 Teams haben sich bis auf vier, fünf alle weiterhin im Gründer-Institut mit abgespeckter Mannschaft gezeigt. Mit allen anderen haben wir uns online ausgetauscht.“ Letztlich aber hänge eine gute Gründungsbetreuung nicht von der Frage der Digitalisierung ab, ist Professor Küppers überzeugt. „Um den Kontakt zu einem Team zu halten, reicht zur Not auch ein Telefon. Entscheidend ist vielmehr, ob die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gründungsberatung mit aller Leidenschaft den jungen Gründerinnen und Gründern den Rücken stärken. Damit lässt sich – fast – jede Krise überstehen.“

Stand: Februar 2021

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