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Wichtiger denn je: innovative „Klima-Start-ups“

Angesichts der Klimakrise sind Innovationen, die den Ausstoß klimaschädlicher Gase reduzieren oder die Klimaveränderungen für Mensch und Umwelt erträglicher machen, notwendiger denn je. Gut ist daher, dass der Anteil so genannter grüner Start-ups in den letzten Jahren zugenommen hat. Damit ihre Ideen auch in der Breite wirksam werden können, benötigen sie allerdings etwas mehr Rückenwind.

Gruppe von Demonstranten (Klima) © iStockDisobeyArt

„Ich wollte schon während des Studiums an der Universität Passau etwas machen, was sinnvoll ist und einen gesellschaftlichen Nutzen hat“, sagt Sebastian Schmidt. Zusammen mit seinen Kommilitonen Michael Hasler und Andreas Donig hat er daher im August 2018 die Smartricity GmbH gegründet. Dahinter stecken eine Webseite und App für energieeffiziente Lösungen im Haushalt. „Wir können feststellen, wie viel Energie bestimmte Haushalts- und Multimediageräte verbrauchen, schlagen Alternativgeräte vor und zeigen, wann sich der Anschaffungspreis durch die Stromeinsparung amortisiert hat.“

Das EXIST-geförderte Gründerteam ist eines von rund 6.000 (Stand: 2018) Start-ups, die der Green Startup Monitor als „grün“ charakterisiert. Sie machen etwa ein Viertel aller Start-ups aus. Ihr gemeinsames Kennzeichen: Sie entwickeln Produkte, Technologien und/oder Dienstleistungen, um damit einen Beitrag zum Umwelt-, Klima- und Ressourcenschutz zu leisten. Zu den klimarelevanten Gründungen gehören dabei naturgemäß vor allem Start-ups in der Energiebranche. Sie haben laut einer Umfrage des Green Startup Monitors 2018 einen Anteil von 70 Prozent an allen grünen Gründungen. Klimarelevante Geschäftsideen sind aber nicht nur in der Energiebranche zu finden. So hat zum Beispiel das EXIST-Start-up SeedForward eine ökologische Saatgut-Beschichtung entwickelt, die Saatgut und Pflanze robuster gegen Wetterextreme wie Trockenheit, Nässe etc. macht. Auch Start-ups in der Verkehrs-, Dienstleistungs- oder Nahrungsmittelindustrie haben sich auf die Fahnen geschrieben, Menschen, Tiere und Pflanzen an neue klimatische Bedingungen anzupassen sowie den Klimaschutz voranzutreiben.

Offshore-Windenergieanlagen bei Sonnenuntergang © iStock/MR1805

Der Markt? Kann noch mehr Schwung vertragen

Da sei es gut, dass in der Gesellschaft das Bewusstsein, etwas tun zu müssen, weitgehend vorhanden ist, so die Erfahrung von Christoph Berger: „Ich hoffe, dass es weiter zunehmen wird, insbesondere über den aktuellen politischen Diskurs und über Leitfiguren wie Greta Thunberg.“ Christoph Berger hat mit Lasse Stehnken und Christian Brase vor drei Jahren das Start-up vilisto aus der Taufe gehoben. Die EXIST-geförderte Ausgründung der Technischen Universität Hamburg hat eine selbstlernende Heizungssteuerung entwickelt, die in Büro- und Verwaltungsgebäuden sowie kommunalen Einrichtungen dafür sorgt, dass bei Anwesenheit von Personen die gewünschte Raumtemperatur herrscht - bei Abwesenheit wird die Temperatur automatisch gesenkt. Seit 2016 am Markt, hat sich das junge Unternehmen in großen Schritten weiterentwickelt, auch wenn der Zugang zu den verschiedenen Kundensegmenten sehr unterschiedlich ist. „Wir sehen, dass immer mehr Unternehmen, – nicht zuletzt aus Kostengründen – bereit sind, ins Energiesparen zu investieren. Allerdings stellt sich hier immer wieder die Frage nach der Amortisationsdauer unseres Geräts, so dass wir bei der Preisgestaltung sehr knapp kalkulieren müssen. In den Kommunen gibt es dagegen schon seit längerer Zeit Klimaschutzmanager, die auch über eigene Budgets verfügen. Das sind für uns genau die richtigen Ansprechpartner.“

Anders sieht es aus, wenn es um die Entscheidungsfreudigkeit in der Energiebranche in Deutschland geht: „Die Akteure sind teilweise noch sehr zögerlich bei ihren Investitionsentscheidungen“, sagt Christina Vogel, eine der Gründerinnen von elena international. Im Februar 2019 hat sie gemeinsam mit Dr. Sabine Auer die Ausgründung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und der Humboldt Universität Berlin an den Start gebracht. Basierend auf der Dissertation von Sabine Auer, hat das Team ein softwarebasiertes Analyseverfahren entwickelt. Es ermöglicht Betreibern von Verteil- und Inselnetzen, Szenarien für das Einspeisen von regenerativen Energien in ihre Stromnetze zu erstellen. Sie bieten damit eine Alternative zu bisherigen Szenarien, die den Anteil regenerativer Energien zugunsten fossiler Energien signifikant unterschätzen. Aufgrund ihrer Erfahrungen auf dem deutschen Energiemarkt haben sich die Preisträger des Leibniz-Gründerpreises 2019 von Anfang an international aufgestellt. Die Strategie hat sich bewährt, so Christina Vogel: „Dadurch konnten wir bereits in der Frühphase Kunden gewinnen, unter anderem einen Schweizer Energieversorger sowie ein weltweit tätiges Unternehmen im Inselnetzbereich.“

Die Trägheit auf der Seite der Energieversorger beklagt auch Sebastian Schmidt, obwohl der Markteinstieg für Smartricity vergleichsweise einfach war. „Wir haben ein großes Interesse von Seiten der Endverbraucher sowie von Stadtwerken, Energieversorgern und der Solarbranche erlebt. Dennoch haben wir die Erfahrung gemacht, dass es immer noch Vorbehalte gegenüber reinen Softwarelösungen gibt. Da wird vielfach immer noch nicht verstanden, welche Rolle die Digitalisierung für die Energiewende spielt.“

Letztlich heißt es also: Geduld haben und Zeit investieren. So bleibt es vielen „Klima-Start-ups“ - wie fast allen anderen Start-ups auch - nicht erspart, Klinken zu putzen. „Am wirkungsvollsten ist es, an Konferenzen und Messen teilzunehmen, um die richtigen Ansprechpartner kennenzulernen. Damit hat man die Chance, als junges Unternehmen Vertrauen aufzubauen und im persönlichen Gespräch zu überzeugen“, sagt Christina Vogel.

Die Rahmenbedingungen? Gesetzliche Vorgaben konkretisieren

Letztlich könnte aber alles etwas schneller gehen, wenn der Gesetzgeber nachhelfen würde, ist Christina Vogel überzeugt: „Die Tatsache, dass in Deutschland die Akteure im Energiebereich eher zurückhaltend sind, liegt sicher auch an der Gesetzgebung. Die könnte innovationsfreundlicher sein. Allerdings ist die Gesamtsituation auch nicht einfach, da die Energiebranche sehr komplex ist und sich im Umbruch befindet – keiner kann sagen, wie sie sich in den nächsten Jahren genau entwickeln wird.“ Dennoch gibt es bereits durchaus positive Beispiele für gesetzliche Regelungen, die die Energiewende tatsächlich vorantreiben. „Sie reichen aber nicht aus“, so Sebastian Schmidt. „Gesetzliche Vorgaben wie die Energieeffizienzrichtlinie helfen uns natürlich. Wir würden uns aber wünschen, dass sie konkreter formuliert werden. Im Grunde weiß doch jeder, dass etwas getan werden muss, aber keiner weiß, wie es im Detail aussehen soll. Hinzu kommt, dass vielen die Zusammenhänge auf dem Energiemarkt nicht deutlich sind. Denken Sie nur an die Interessenkonflikte bei der Verlegung der Stromtrassen. Da müsste vielmehr Kommunikationsarbeit geleistet werden.“

Ein weiterer Punkt: Gerade im Energiebereich ändern sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen häufig – was sich nicht nur auf die Investitionsbereitschaft potenzieller Auftraggeber negativ auswirkt. „Wir beobachten, dass Investoren eher zurückhaltend sind, weil ihnen ein politisch so umkämpftes Feld mit ständig wechselnden Rahmenbedingungen zu heikel ist. Da fehlt für alle Beteiligten einfach mehr Planungssicherheit“, stellt Dr. Klaus Fichter fest. Er ist Professor für Innovationsmanagement und Nachhaltigkeit an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und Direktor des Borderstep Instituts für Innovation und Nachhaltigkeit gGmbH.

Glas mit Münzen auf Tisch © iStock

Die Finanzierung? Passgenaue Programme breiter aufstellen

Abgesehen davon, ist es für umweltorientierte Start-ups auch aus anderen Gründen nicht so ganz einfach, Investoren für sich zu gewinnen. Professor Klaus Fichter: „Was wir generell bei Umwelttechnologien und nachhaltigen Lösungen sehen, ist, dass sich viele Investoren in diesen Feldern nicht gut auskennen und deswegen erst einmal vorsichtig sind. Die finden das grundsätzlich alles sehr sympathisch, aber wenn es konkret wird, fehlt ihnen oft das sektorale und spezifische Know-how. Hinzu kommt, dass bei vielen Investoren das Bild vorherrscht, dass Gründerinnen und Gründer von grünen Start-ups vor allem die Welt retten wollen, aber kein Interesse daran haben, Gewinne zu erzielen.“ Obwohl ein Blick in den GreenStartupMonitor 2018 zeigt, dass grüne Start-ups - bei gleich hoher Mitarbeiterzahl - genauso hohe Umsätze erzielen wie nicht-grüne Start-ups. „Der Unterschied ist aber“, so Prof. Klaus Fichter, Herausgeber des Green Startup Monitors, „dass Gründerinnen und Gründer grüner Start-ups darüber hinaus den Anspruch haben, einen expliziten Klima- und Umweltschutzbeitrag zu leisten. Und das kommunizieren sie auch. Manch klassischer Investor meint dann, dass es die Gründungsteams mit der betriebswirtschaftlichen Rechnung und Gewinnorientierung nicht so ernst nehmen würden. Das ist zwar falsch, aber genau dieses Vorurteil besteht leider immer noch bei vielen Investoren.“

Spezielle Förderangebote versuchen daher die Lücke zu schließen und stellen sich auf die besonderen Bedürfnisse von Green Start-ups ein. Gute Erfahrungen hat SeedForward-Gründer Jacob P. Bussmann zum Beispiel mit dem EIT Climate-KIC-Accelerator gemacht. „Wir wurden in dem 18-monatigen Förderprogramm tatkräftig von Mentoren unterstützt, die uns mit viel Know-how und Feedback zur Teamentwicklung, Vertriebsstrategien usw. versorgt haben.“ EIT Climate KIC ist ein Förderprogramm des Europäischen Instituts für Innovation und Technologie (EIT) und wird von der Europäischen Union finanziert. Das EIT Climate-KIC Accelerator-Programm ist an mehreren Standorten innerhalb der EU vertreten. In Deutschland hat es seinen Sitz in Berlin und München. Die Unterstützung beinhaltet die Bereitstellung von Arbeitsräumen, eine Finanzierung von bis zu 85.000 Euro sowie Coachingangebote und Kontakte zu potenziellen Kunden, Partnern und Investoren. Über mangelnde Nachfrage kann Aimee Apel, Programmverantwortliche für den Standort Berlin, nicht klagen: „Die Nachfrage steigt jedes Jahr. Allein an der letzten Bewerbungsrunde haben über 200 Interessenten teilgenommen. Was uns dabei besonders freut, ist die stetig zunehmende Qualität bei den Bewerbungen.“

Auch der StartGreen Award des Borderstep Instituts für Innovation und Nachhaltigkeit unterstützt bereits seit mehreren Jahren Gründerinnen und Gründern der Green Economy mit insgesamt 60.000 Euro und sorgt für deren Sichtbarkeit in der deutschen und europäischen Szene. Relativ neu ist das Green Start-up Sonderprogramm der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Es richtet sich an Start-ups, die mit digitalen Lösungen zu mehr Umweltschutz, Ökologie und Nachhaltigkeit beitragen möchten. Das Programm bietet bis zu 125.000 Euro pro Projekt inklusive Mentoring und Coaching an.

Natürlich seien all diese Programme für grüne Start-ups gut und wichtig, sagt Professor Klaus Fichter. Es fehle aber immer noch der große Wurf. Vor allem in der Wachstumsphase steht vielen Start-ups nicht genug Kapital zur Verfügung. „Analog zum High-Tech Gründerfonds stellen wir uns daher die Einrichtung eines High Sustainability Fonds vor, der vor allem in der Wachstumsphase, wenn große Finanzierungsvolumina und starke Marktpartner benötigt werden, Wirkung zeigt. Wir denken hier an eine Public Private Partnership mit der Zielsetzung Klimaschutz, Energiewende und nachhaltige Mobilität.“

Auch das Bundeswirtschaftsministerium plant im Rahmen seiner Gründungsoffensive „GO!“ bestehende Förderprogramme auszubauen und insbesondere den Zugang zu Wagniskapital für Start-ups auszubauen.

Dabei drängt die Zeit, denn ausreichende Finanzmittel sind die wichtigste Voraussetzung dafür, dass junge Unternehmen ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten können: „Gute Lösungen müssen schnell und möglichst global zur Anwendung gebracht werden“, fordert daher Aimee Apel: „Das Klima wartet nicht. Und viel Zeit haben wir leider auch nicht mehr. Grüne Start-ups brauchen daher jede denkbare Unterstützung, um am Markt zu skalieren und ihre Innovationen umzusetzen.“

Stand: September 2019

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