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Dreamteam: Mittelstand – Start-up

Wenn sich Mittelständler und Start-ups zusammentun, kommt für beide meist etwas Gutes dabei heraus. Während kleine und mittlere Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken, können Start-ups durch die Zusammenarbeit vor allem ihr Wachstum beschleunigen.

Meeting von Startup-Gründern

Wenn sich Mittelständler und Start-ups zusammentun, kommt für beide meist etwas Gutes dabei heraus. Während kleine und mittlere Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken, können Start-ups durch die Zusammenarbeit vor allem ihr Wachstum beschleunigen. Der Haken ist: Bislang wissen beide immer noch zu wenig voneinander, um sich als natürliche Partner zu sehen.

„Wir haben das Tagesgeschäft für die Fertigung an Profis abgegeben und dadurch Zeit gewonnen, um uns auf unsere Technologie zu fokussieren und unser Angebotsspektrum zu erweitern“, sagt Felix Furtmayr. Zusammen mit seinem ehemaligen Studienkollegen Bernhard Römer hat er vor drei Jahren die Rapidfacture GmbH gegründet. Ausgestattet mit einem EXIST-Gründerstipendium und mit tatkräftiger Unterstützung der Technischen Hochschule Ingolstadt und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg gelang den beiden Maschinenbauingenieuren der Sprung in die Selbständigkeit. Die Idee: Dreh- und Frästeile in kleinen Stückzahlen herzustellen und online zu vertreiben. Anfangs hatte das Start-up die Produkte noch selbst hergestellt. Dann war bald klar, dass die Kompetenzen des Teams vor allem in der Softwareentwicklung und im Internetvertrieb liegen. Die Fertigung der CNC-Teile sollte an ein externes Maschinenbauunternehmen ausgelagert werden. Am besten an einen mittelständischen Betrieb mit kurzen Entscheidungswegen und hoher Flexibilität in der Produktion.

Die Wahl fiel auf die Krauss Präzisionstechnik GmbH. Seit 2017 kooperiert Rapidfacture mit dem Hersteller von Maschinenbauteilen und Drehteilen. Seinen Sitz hat das Unternehmen mit seinen 40 Mitarbeitern ganz in der Nähe vom bayerischen Beilngries. Geschäftsführer Stefan Krauss sieht in der Kooperation mit dem Start-up eine gute Chance, Zugang zu neuen Märkten zu erhalten und Prozesse zu verbessern: „Praktisch sieht es so aus, dass die Kundenwünsche mit den erforderlichen Zeichnungen und Materialwünschen direkt über die Online-Plattform von Rapidfacture bei uns eingehen und wir das gewünschte Dreh- oder Frästeil herstellen. Voraussetzung dafür ist, dass wir Zugang zur Software von Rapidfacture haben und Rapidfacture wiederum auf unser ERP-Warenwirtschaftssystem zugreifen kann. Unsere EDV-Systeme sind also aufeinander abgestimmt. Mehr noch: Unsere Vereinbarung sieht so aus, dass wir exklusiv für Rapidfacture tätig sind. Darüber hinaus entwickeln wir gemeinsam das Angebot stetig weiter. Insofern geht unsere Geschäftsbeziehung weit über eine reine Auftragnehmer-Auftraggeber-Beziehung hinaus.“

Innovationstreiber für KMU

Dass vor allem Branchen, in denen ein hoher Innovationsdruck herrscht, von der Kooperation mit Start-ups profitieren, davon ist Dr. Matthias Wallisch überzeugt. Er ist stellvertretender Leiter des Fachbereichs Gründung und Innovation im RKW-Kompetenzzentrum und Autor der Studie Mittelstand meets Startups 2018: „Ein Hinweis darauf ist, dass wir sehr viele Anträge für das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand, kurz ZIM, erhalten. Das Programm fördert unter anderem die Zusammenarbeit zwischen kleinen und mittleren Unternehmen und Start-ups. Und bei den KMU sind es vor allem Unternehmen im Maschinen- und Fahrzeugbau sowie in der Chemie- und Pharmabranche, die den größten Anteil der Antragsteller ausmachen. Insofern kann man hier schon von einem gewissen Innovationsdruck ausgehen. Mittlerweile kommt aber auch der kleine Einzelhandel dazu, der sich darüber Gedanken machen muss, wie er mit den Online-Handelsportalen konkurrieren kann.“

Mitarbeiter eines Startups in einem Co-Working-Space

In all diesen Branchen können Start-ups als Kooperationspartner für den Mittelstand mit neuen Ideen und Technologien die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen stärken. So sieht das auch Stefan Krauss. Er hat jedenfalls die Zeichen der Zeit erkannt und profitiert bereits von der Kooperation mit Rapidfacture: „Wer heute im Internet nach Herstellern für Dreh- oder Frästeile sucht, erhält im Suchergebnis ja nicht die Namen von vergleichsweise kleinen Unternehmen wie dem unseren. Stattdessen stehen dort die Websites von Online-Plattformen wie Rapidfacture. Insofern steht uns durch die Kooperation ein Vertriebskanal zur Verfügung, den wir in der Reichweite gar nicht auf die Beine stellen könnten. Wir haben dadurch Zugang zum Weltmarkt und liefern heute von uns gefertigte Teile unter unserem Namen nach Dubai, in die USA und in andere Länder.“

Dass es sich für den etablierten Mittelstand durchaus lohnt, mit innovativen Start-ups zu kooperieren, betont auch das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn in seiner Studie „Kooperationen zwischen etabliertem Mittelstand und Start-ups“. Demnach können Start-ups nicht nur Lösungen für spezielle technische Probleme entwickeln, sondern sogar völlig neue Impulse geben, um beispielsweise – im Zuge der digitalen Transformation – die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu sichern bzw. auszubauen. Der überwiegende Teil der Mittelständler, der bereits mit Start-ups kooperiert, bewertet die Zusammenarbeit denn auch als positiv. Neben neuen Produkten, Produktionsverfahren oder Vertriebskanälen zeigt sich noch ein weiterer Effekt, der vor allem heute, in Zeiten des Fachkräftemangels, von Bedeutung ist. So bieten Kooperationen auch die Chance, das Potential hochqualifizierter Fachkräfte wie sie bei innovativen Start-ups in der Regel zu finden sind, für das Unternehmen nutzbar zu machen.

Wachstumstreiber für Start-ups

Und worin bestehen die Vorteile für Start-ups? Beispielsweise in der zeitlichen Entlastung, so das Führungsduo von Rapidfacture. Dem Start-up mit seinen neun Mitarbeitern bleibt aufgrund der Kooperation mit dem erfahrenen Maschinenbaubetrieb ausreichend Freiraum, um seine Online-Plattform für den kompletten Auftrags-, Produktions- und Lieferprozess für CNC-Sonderteile weiterzuentwickeln. Mittelständler können aber nicht nur dazu beitragen, junge Unternehmen zu entlasten. Sie haben noch weitaus mehr zu bieten, stellt das IfM Bonn fest. Kooperationen mit kleinen und mittleren Unternehmen beschleunigen zum Beispiel die Entwicklung der unternehmerischen Newcomer, indem sie ihr spezifisches Fach- und Branchenwissen und ihr Kunden- und Lieferantennetzwerk zur Verfügung stellen. Für Investoren ist genau das nicht selten ein Pluspunkt: wenn sie wissen, dass ein Start-up einen soliden, am Markt eingeführten Partner an Bord hat.

Ein weiterer guter Grund für eine Kooperation ist aus Start-up-Sicht, die Produktionsanlagen und Produktionsmittel des Partners nutzen zu können. Wer außerhalb von Bayern wohnt, für den mag das folgende Beispiel dabei vielleicht etwas ungewöhnlich anmuten: Wer denkt beim Thema Start-ups schon an traditionsreiche bayerische Familienbrauereien? Das Münchener Start-up IsarKindl Bier hatte jedenfalls keine Berührungsängste, als es nach kleinen Brauereien Ausschau hielt, wie Co-Gründer Simon Klur betont. Er hat seinen Master in Brauwesen und Getränketechnologie an der Technischen Universität München absolviert: „Wir haben Brauereien in der Region gesucht, die in unserem Auftrag Bier nach unseren Rezepten brauen und in Flaschen abfüllen. Vor der ersten Kontaktaufnahme hatten wir natürlich großen Respekt. Die meisten Brauereien sind ja schon seit Generationen erfolgreich am Markt und richtige Institutionen in ihrer Region. Aber dann hat sich schnell gezeigt, dass viele der Familienbetriebe sehr aufgeschlossen und experimentierfreudig sind und sich freuen, wenn junge Leute mit neuen Ideen vorbeikommen.“ Inzwischen kooperiert das Start-up IsarKindl mit drei kleinen Brauereien. „Eine ideale Situation“, freut sich Simon Klur, „weil wir uns als junges Unternehmen keine eigene Brauanlage leisten können und die Zusammenarbeit wirklich angenehm ist.“ Dass die Beziehung dabei weit über ein reines Auftragsverhältnis hinausgeht, offenbart sich vor allem in der Kooperation mit der Brauerei Eittinger Fischerbräu. Kein Wunder, schließlich haben der Junior-Brauereichef Tobias Vincenti und der Start-up-Gründer Simon Klur zusammen studiert: „Tobias und sein Vater haben uns wirklich sehr mit ihren Erfahrungen unterstützt und uns gesagt, worauf wir bei der Rezeptur achten müssten. Jede Brauanlage ist ja anders. Das bedeutet, jedes Rezept muss entsprechend angepasst werden. Da ist es natürlich gut, wenn man als Newcomer vom Erfahrungswissen eines Familienbetriebs profitieren kann, der seit fast 100 Jahren sein eigenes Bier braut.“ Für die kleine Familienbrauerei wiederum bietet die Zusammenarbeit die Chance, freie Kapazitäten zu nutzen. Zusätzlich zu ihrem eigenen Bier braut sie das Bier nach dem Rezept des zweiköpfigen Gründungsteams. Tobias Vincenti: „Wir haben dadurch unser Geschäftsfeld erweitert, ohne dass wir uns dabei ins Gehege kommen. IsarKindl Bier verkauft das vergleichsweise hochpreisige Bier, das wir für sie brauen, an Kunden in München. Der Markt für unsere eigenen Biere liegt dagegen vorwiegend hier in der Region.“

Gute Konjunktur versus Kooperationsbereitschaft

Dennoch: Gute Beispiele aus der Praxis und das Aufzählen der vielen Vorteile, die sich aus Kooperationen ergeben können, reichen scheinbar nicht aus, damit Start-ups und Mittelständler zusammenfinden. Letztere haben nicht selten Vorbehalte oder schlichtweg kein Interesse. Davon können die Gründer von Rapidfacture, Felix Furtmayr und Bernhard Römer, ein Lied singen. Sie mussten seinerzeit viel Zeit und Energie in die Suche nach geeigneten Kooperationspartnern investieren. Auch wenn die beiden Jungunternehmer dann schließlich mit der Krauss Präzisionstechnik GmbH einen idealen Kooperationspartner gefunden haben: Der Frust über die lange Partnersuche ist noch nicht vergessen. „Wir hatten den Eindruck, dass es den meisten Unternehmen ganz einfach zu gut geht. Da ist die Offenheit für Neues eher gering. Dafür sind die Bedenken umso größer. Meiner Erfahrung nach können sich viele kleine und mittlere Unternehmen nicht vorstellen, dass sich der Markt in wenigen Jahren radikal ändern kann. Da wird dann mit wenig Geld versucht, so ein bisschen auf Industrie 4.0 zu machen, weil gerade überall die Rede davon ist. Die Ergebnisse sind dann entsprechend.“ Eine ernüchternde Feststellung, mit der Felix Furtmayr aber nicht alleine steht. Dr. Christian Schröder [Link auf Interview], Projektleiter beim IfM Bonn und Mitverfasser der Kooperationsstudie, bestätigt seine Erfahrung: „Dass es immer noch viele mittelständische Unternehmen gibt, die beim Thema Kooperation mit Start-ups eher zurückhaltend sind, liegt tatsächlich auch daran, dass es vielen derzeit sehr gut geht. Viele machen sich schlichtweg keine Gedanken darüber, ob ihr Geschäftsmodell auch noch in zehn Jahren funktioniert.“ Unternehmer Stefan Krauss hat dafür wenig Verständnis. Im Gegenteil: Der erfahrene Mittelständler sieht – genauso wie Brauereibesitzer Tobias Vincenti – in der Zurückhaltung seiner Unternehmerkolleginnen und -kollegen vor allem ein Risiko: „Als Unternehmer sollte man wissen, dass sich die Kunden letztlich immer für den bequemsten Weg entscheiden. Und der Online-Einkauf ist bequem. Da kann es schnell passieren, dass langjährige Kunden abwandern und zu Anbietern mit digitalen Bestellmöglichkeiten wechseln. Letztlich ist es doch so: Wenn man nicht permanent die Augen offen hält und schaut, inwieweit sich neue Technologien und Geschäftsmodelle für das eigene Unternehmen nutzen lassen, verpasst man den Anschluss und gefährdet die Existenz seines Unternehmens.“

Älterer Mann schüttelt jüngerem Mann die Hand, junge Frau sitzt daneben

Ein Perspektivwechsel sei notwendig, sagt Florian Feddeck. Er ist kaufmännischer Leiter beim Unternehmen Schleicher Electronic Berlin und dort verantwortlich für einen betriebseigenen Start-up-Inkubator: „Anstatt immer wieder den vermeintlich hohen zeitlichen Aufwand als Argument gegen eine Zusammenarbeit mit den jungen Unternehmern ins Feld zu führen, rate ich eher dazu, die Dinge einmal von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten. Es ist doch so, dass jeder Unternehmer Zeit in die Akquise von Kunden investiert. Und Start-ups können durchaus für viele Mittelständler die Kunden von morgen sein. Da ist es doch nicht verkehrt, etwas Zeit in das eine oder andere Gespräch zu investieren und zu sehen, ob man nicht einen Teil des Weges gemeinsam geht.“ Natürlich müssen auf diesem Weg auch immer mal wieder Steine aus dem Weg geräumt werden. Denn wenn es tatsächlich zu einer Zusammenarbeit kommt, wird diese nicht ohne ein gewisses Commitment vonseiten des Unternehmens funktionieren. Bis alle Fragen, Arbeitsschritte oder auch gegenseitigen Erwartungen geklärt sind, kann es – je nach Fall – eine Weile dauern.

Zögerliche Mittelständler aus der Reserve zu locken: Dazu können auch Start-ups selbst beitragen. Ganz entscheidend sei, so Christian Schröder vom IfM Bonn, zum Beispiel, „dass sich die jungen Unternehmer auf ihren Partner einlassen. Das heißt, technische Sachverhalte müssen für Laien verständlich kommuniziert werden. Und sie müssen sich als Problemlöser präsentieren. Das setzt voraus, dass sie sich mit der Branche und dem jeweiligen Unternehmen intensiv auseinandergesetzt haben.“ Mindestens genauso wichtig ist es, eine gemeinsame Vertrauensebene zu schaffen, so wie zum Beispiel bei Rapidfacture und der Krauss Präzisionstechnik. Für Inhaber und Geschäftsführer Stefan Krauss ist Vertrauen die wichtigste Währung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit: „Bei uns hat die Chemie von Anfang an gestimmt. Das ging so weit, dass wir unsere Kooperation sogar nur mit Handschlag besiegelt haben. Letztlich ist das für uns einfacher, weil wir ohnehin nicht alle Eventualitäten per Vertrag regeln können.“

Nur: Bevor es überhaupt dazu kommt, muss man sich erst einmal kennenlernen. Und genau hier ist das Problem: Die meisten Mittelständler und Start-ups leben in zwei verschiedenen Welten. Die wenigsten haben den jeweils anderen als potentiellen Kooperationspartner auf dem Schirm. Kaum ein gründungsaffiner Student oder Absolvent weiß zum Beispiel um die vielen Hidden Champions, die meist hoch spezialisiert weltweit erfolgreich sind. Kein Wunder: Schließlich sorgen sie weder für Aufsehen in den Medien, noch schließen sie aufsehenerregende Börsendeals ab oder betreiben aufwendige Werbekampagnen. Dabei seien, so Christian Schröder, diese Unternehmen doch in vielerlei Hinsicht für die Zusammenarbeit mit Start-ups prädestiniert: „Die Entscheidungswege sind aufgrund der Einheit von Eigentum und Leitung kurz und flexibel, die Hierarchien sind flach. Auch die Wertvorstellungen der Unternehmensinhaber sowohl aufseiten des etablierten Unternehmens als auch aufseiten des Start-ups sind meist gar nicht so weit voneinander entfernt.“

Gemeinsamkeiten entdecken

Mehr gemeinsame Aktionsräume für Mittelständler und Start-ups fordert daher Dr. Matthias Wallisch vom RKW-Kompetenzzentrum. Doch es tut sich etwas. So haben zum Beispiel Fachmessen wie die Hannover Messe, die Fashiontech oder die Grüne Woche die Start-up-Szene entdeckt. Auch die eine oder andere Kammer bietet Veranstaltungen an, um ihre Mitgliedsunternehmen mit Start-ups in Kontakt zu bringen. „Start-up trifft Handwerk“ nennt sich zum Beispiel eine Veranstaltung der Handwerkskammer München in Kooperation mit Munich Startup, dem Webportal der Landeshauptstadt München für Gründerinnen und Gründer. „Wir verfolgen dabei drei Ziele: Erstens dem Handwerk Ideen von Start-ups vorzustellen und darüber zu informieren, was sich technologisch tut. Zweitens das Handwerk zu inspirieren, über neue Geschäftsmodelle nachzudenken. Und drittens Handwerk und Start-ups aufeinander aufmerksam zu machen, sei es als Auftraggeber und Kunden oder auch als Kooperationspartner zum Beispiel für den Prototypenbau“, so Georg Räß, Beauftragter für Innovation und Technologie (BIT) der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Offensichtlich ist die jährlich stattfindende Veranstaltung ein Erfolg. Handwerk und Start-ups nutzen jedenfalls die Chance, sich kennenzulernen.

Hochschulen als Türöffner

Nicht zu vergessen die Hochschulen. Auch sie können dazu beitragen, die notwendigen Aktionsräume zu schaffen und Unternehmen aus der Region mit ihren Start-ups zusammenzubringen. Vor allem Hochschulen im EXIST-Verbund pflegen zunehmend enge Kontakte zur regionalen Wirtschaft. Wie das funktionieren kann, zeigt zum Beispiel die Universität Paderborn mit ihrer garage33: Gründerinnen und Gründer arbeiten hier gemeinsam mit Vertretern von Unternehmen aus der Region an innovativen Geschäftsmodellen. „Mit der garage33 bringen wir gezielt gründungsinteressierte Hochschulangehörige und gestandene Unternehmen aus der Region Ostwestfalen Lippe zusammen, damit sie gemeinsam an neuen Ideen arbeiten können. Auf der einen Seite können Unternehmen von den jungen Wilden, also den Studierenden, wissenschaftlichen Mitarbeitern und Start-ups, lernen und deren Querdenkermentalität nutzen. Auf der anderen Seite erhalten Gründer und Start-ups Zugang zu etablierten Unternehmen in der Region. Die können ihnen dabei helfen, mit der eigenen Idee schneller und zielgerichteter Zugang zum Markt zu bekommen. Viele wissen nicht, dass hier in der Region Ostwestfalen-Lippe eine ganze Reihe von mittelständischen Weltmarktführern, sogenannte Hidden Champions, ansässig sind”, so Professor Rüdiger Kabst, Vizepräsident für Technologietransfer und Marketing der Universität Paderborn und Leiter des Technologietransfer- & Existenzgründungs-Centers TecUP.

Nahaufnahme von Gründern vor Computern

Nicht weit entfernt von Paderborn, an der Carl-von Ossietzky-Universität Oldenburg, pflegt man ebenfalls enge Kontakte zur regionalen Wirtschaft. „Wir haben den Vorteil, dass unsere Region durch viele kleine und mittlere Unternehmen geprägt ist. Und da funktioniert die Zusammenarbeit wirklich hervorragend“, freut sich Miriam Wiediger, Leiterin des Gründungs- und Innovationszentrums, kurz: GIZ. In der Praxis bedeutet das: Unternehmerinnen und Unternehmer stehen den Gründungsteams zum Beispiel als Mentoren zur Seite. Oder sie stellen Räume und Anlagen zur Verfügung, damit die Gründungsteams ihre Produkte und Verfahren testen können.

Das EXIST-geförderte Gründungsteam von SeedForward hat zum Beispiel eine wachstumsfördernde ökologische Saatgut-Ummantelung entwickelt. Es hatte damals die Chance erhalten, seine Innovationen in einem Oldenburger Unternehmen, einem Gewebelabor mit angeschlossener Baumschule, das sich primär mit der Mikrovermehrung und Anzucht von Ziergehölzen und Stauden beschäftigt, zu testen. Aber auch darüber hinaus trafen die beiden Gründer von SeedForward, Jacob Bussmann und Jan Ritter, auf offene Türen: „Wir haben bei den Landwirten und den Saatgutfirmen eine sehr aufgeschlossene Haltung erlebt, sodass wir in relativ kurzer Zeit ein sehr starkes Netzwerk aufbauen konnten. Zum Teil wurden wir direkt aufgrund von Fachartikeln, die über uns veröffentlicht wurden, angesprochen. Oder wir waren auf Veranstaltungen der Landwirtschaftskammern sowie auf relevanten Messen und haben darüber Landwirte und Mittelständler kennengelernt. Neben der eigenen Akquise sind viele direkt auf uns zugekommen und haben uns angesprochen.“

Unter dem Strich sieht es also so aus, dass dank des Engagements vieler regionaler Gründungsakteure das Thema Kooperationen zwischen Mittelstand und Start-ups bzw. gründungsaffinen Studierenden so langsam aus der Deckung kommt. Damit kommen sie dem Wunsch von kleinen und mittleren Unternehmen entgegen, die sich laut der Studie des RKW-Kompetenzzentrums insbesondere Austauschmöglichkeiten und Informationsangebote wünschen. Aber wie sieht es mit den Unternehmen selbst aus? In der RKW-Studie heißt es, dass weniger als ein Drittel der befragten kleinen und mittleren Unternehmen gezielt Maßnahmen durchführen, um einen Kontakt mit Start-ups herzustellen. Das bedeutet: Die meisten Unternehmen überlassen das Kennenlernen von Start-ups dem Zufall.

Eigeninitiative ergreifen und Start-ups ansprechen

In den Augen von Florian Feddeck ein grober Fehler. Sein Arbeitgeber, die Schleicher Electronic Berlin GmbH, überlässt jedenfalls nichts dem Zufall und richtet sich gezielt an Start-ups aus dem Hardware- und Softwarebereich. Der Anbieter von Automatisierungslösungen für den Maschinen- und Anlagenbau wurde 1937 gegründet, hat 85 Mitarbeiter, kooperiert mit Forschungseinrichtungen und ist international aktiv. Ein typischer Mittelständler im besten Sinne also. Berührungsängste gegenüber Start-ups gibt es nicht. Im Gegenteil: Das Elektronikunternehmen hat vor vier Jahren in seinem Betrieb einen Inkubator für Start-ups eingerichtet: sizzl steht für Schleicher Incubator Zoom Zone Labs. Florian Feddeck betreut zusammen mit Linh Hoang und Meike Schröder den Inkubator: „sizzl richtet sich an Start-ups, die ihre Ideen im Bereich Hardware, Software oder Maschinenbau zu einem marktfähigen Produkt weiterentwickeln möchten. Im Mittelpunkt steht dabei der Austausch mit unseren Entwicklern. Die sind zum Teil seit 40 Jahren im Unternehmen und die absoluten Profis, wenn es zum Beispiel darum geht, Steuerungslösungen zu konzipieren. Kaum ein Gründungsteam kann das komplette technische Know-how abdecken, das für die Entwicklung seiner Produktidee notwendig ist. Wir helfen dabei, diese Lücken zu schließen und unterstützen die Entwicklung von Prototypen oder einer ersten Kleinserie.“

Aber warum stellt ein Mittelständler Räumlichkeiten sowie Mitarbeiter zur Verfügung, um jungen Gründungsteams auf die Beine zu helfen? „Ganz einfach“, sagt Florian Feddeck, „der Inkubator ist für uns ein wichtiges Instrument, um zukünftige Kunden zu akquirieren. Start-ups sind wie jedes Unternehmen auf externes Know-how und Zulieferer angewiesen. Von daher setzen wir auf eine frühe Kontaktaufnahme, um damit praktisch den Grundstein für eine mögliche Geschäftsbeziehung zu legen. Wir sprechen die gleiche Sprache, wir sind ein kleiner familiärer Betrieb, die Wege sind kurz, Entscheidungen werden schnell getroffen. Insofern gibt es viele Parallelen zu einem Start-up. Unsere Erfahrung ist, dass die meisten der jungen Unternehmen, denen wir bei der Produktentwicklung geholfen haben, das zu schätzen wissen und zu uns als Kunden zurückkehren, sobald sie erfolgreich am Markt sind.“ Die Rechnung scheint aufzugehen. Über zehn Prozent des Umsatzes erzielt der Betrieb heute durch junge Unternehmen, die ihre ersten Schritte mit Unterstützung von sizzl bewältigt haben. Und: Viele Start-ups kommen inzwischen auf Empfehlung oder stehen bereits mit ihrem zweiten Produkt vor der Tür.

Die Langfassung des Beitrags ist im Januar 2019 in der Publikation „Das ist EXIST 2018“ erschienen.

Studien zum Thema Kooperationen zwischen Mittelstand und Start-ups:
Kooperationen zwischen etabliertem Mittelstand und Start-ups
Institut für Mittelstandsforschung Bonn, Jonas Löher, Max Paschke, Dr. Christian
Schröder unter Mitarbeit von Alina Kasdorf. IfM-Materialien Nr. 258, Bonn, 2017

Mittelstand meets Start-ups 2018
RKW Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft e. V., RKW-Kompetenzzentrum, Dr. Matthias Wallisch, Eschborn 2018

Die größten Familienunternehmen in Deutschland. Unternehmensbefragung 2018 – Kooperationen mit Start-ups
Bundesverband der Deutschen Industrie e. V., Deutsche Bank AG, wissenschaftliche Bearbeitung durch IfM Bonn, 2018

BITKOM Start-up Report 2018
Ergebnisse einer Online-Befragung unter Gründern von IT-Start-ups in Deutschland 2018 BITKOM e. V., BITKOM Research GmbH, Berlin 2018

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