Team „air up" von links: Tim Jäger, Jannis Koppitz, Fabian Schlang, Christian Hauth, Simon Nüesch, Lena Jüngst

Team „air up" von links: Tim Jäger, Jannis Koppitz, Fabian Schlang, Christian Hauth, Simon Nüesch, Lena Jüngst

© air up GmbH

Kurzinfo:

air up GmbH
Gründungsteam: Lena Jüngst, Tim Jäger, Jannis Koppitz, Fabian Schlang, Simon Nüesch
Gründungsjahr: 2019
Hochschule: Technische Universität München (TUM)
Gründungsnetzwerk: TU München Entrepreneurship Center
EXIST-Gründerstipendium 2017 bis 2018

Das EXIST-geförderte Münchner Start-up „air up“ etablierte das erste duftbasierte Trinksystem weltweit. Lena Jüngst, Co-Gründerin und Chief Evangelist der Firma, berichtet, wie es von der Idee zum Produkt, von der Erfindung zur Gründung und zum Durchbruch kam.

Sie haben gemeinsam mit Ihrem ehemaligen Kommilitonen Tim Jäger eine Idee gehabt, sie weiterverfolgt und umgesetzt. Wie genau kamen Sie darauf, dem Wasser Geschmack zu verleihen, ohne dabei Zusatzstoffe zuzuführen?

Lena Jüngst: Die Idee ist in unserer Produktdesign-Bachelorarbeit entstanden, inspiriert durch einen Vortrag aus dem neurowissenschaftlichen Bereich. Es ging darum, wie sich die menschliche Sinneswahrnehmung positiv beeinflussen lässt. Für unsere Bachelorarbeit zum Thema „Neuroscience meets Design“ haben wir dann die Probleme unserer heutigen Gesellschaft recherchiert und sind darauf gestoßen, dass Diabetes, Übergewicht und auch Plastikmüll zu den größten überhaupt zählen. Ausgelöst durch übermäßigen Zuckerkonsum, ungesunde Ernährungsweisen und Einwegverpackungen. Zudem erfuhren wir, dass rund 80 Prozent der Geschmackswahrnehmung über die Nase erfolgt und nicht über die Zunge – das sogenannte retronasale Riechen. Dieses Phänomen war es dann auch, das mich und meinen Kommilitonen Tim Jäger versuchen ließ, wie man mittels smart eingesetztem Design Thinking in unserer Bachelorarbeit Geschmack allein über den Duft transportieren kann. Ganz ohne das Hinzufügen von Zucker oder anderen schädlichen Zusätzen. Die Idee zu air up war geboren.

Der Geschmack ist bei air up vom jeweiligen Duftpod in der Flasche abhängig. Wie lange haben Sie an Flasche und Pods getüftelt?

Lena Jüngst: Von der initialen Idee bis zum funktionierenden Prototypen hat es gute sechs Wochen gedauert. Und dann bis zu unserer nun erhältlichen Trinkflasche noch einmal fast zwei Jahre. Bei den Pods war es ähnlich. Zum Testen haben wir anfangs Backaromen verwendet. Dann kam ein Freund von uns dazu, der Lebensmitteltechnologie studiert hat. Fabian Schlang ist ebenfalls Mitgründer und hat unsere Pods aromaseitig weiterentwickelt. Mittlerweile produzieren wir diverse Pods, die wir aus rein natürlichen Aromen ausgewählter Früchte, Pflanzen und Gewürze gewinnen.

Wie lange dauerte es, die Idee konkret in eine Gründung zu bringen und wie sind Sie dabei vorgegangen?

Lena Jüngst: Als wir den Prototypen fertiggestellt hatten, waren wir uns des Potentials unserer Idee noch nicht so sehr bewusst. Tim und ich haben Produktdesign studiert. Den kaufmännischen Teil hatten wir entsprechend nicht so stark im Blick. Als ein Jahr später, 2017, unser Lebensmitteltechnologe und heutiger COO Fabian sowie Jannis Koppitz, Betriebswissenschaftler und heutiger CEO, hinzukamen, nahm alles Gestalt an. Wir wurden auf die Gründungsberatung der TU München aufmerksam und Jannis schrieb unseren ersten Businessplan. Da waren wir dank der Unterstützungsangebote bald von der bloßen Idee auf dem Weg zur eigenen Gründung. Vom Start-up Mentoring haben wir vor allem in wirtschaftlichen, technischen und auch rechtlichen Fragen profitiert. Genau wie vom TUM Entrepreneurship Expertennetzwerk. Ganz essenziell war die EXIST-Förderung. Mit Ablauf der EXIST-Förderung hatten wir die erste Finanzierungsrunde abgeschlossen und sie war zugleich die wichtigste. Das war schließlich das erste Feedback, dass unser Produkt für den Markt interessant sein kann.

Sie haben für zwölf Monate (2017-2018) eine EXIST-Förderung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) erhalten. Wie kam das zu Stande und was hat das Stipendium konkret bewirkt?

Lena Jüngst: Fabian hat uns das EXIST-Gründerstipendium vorgestellt, da er das über seine Universität kannte. Zusammen mit der TUM Gründungsberatung, die auch über ein tolles Start-up-Netzwerk verfügt, haben wir uns dann für EXIST beworben. Das EXIST-Gründerstipendium, das uns ein verlässliches Gehalt bescherte, hat uns enorm weitergeholfen. In dieser Zeit haben wir in erster Linie unser Trinksystem weiterentwickelt und für den Verkauf vorbereitet. Die Tatsache, dass wir uns von da an voll und ganz auf unser Projekt fokussieren konnten, hat uns den Durchbruch ermöglicht. Das war für uns der größte Mehrwert. Hätten wir uns nicht ohne einen Nebenjob auf air up konzentrieren können, hätten wir es wohl nicht geschafft.

Wie ging es nach dem EXIST-Gründungsstipendium weiter?

Lena Jüngst: Dank des EXIST-Gründerstipendiums und der damit verbundenen Verlagerung unseres Büros an die Technische Universität München hat unser Vorhaben enorme Fahrt aufgenommen. Wir haben in der Folge noch weitere Förderungen für nachhaltige Unternehmen bekommen. Mit air up reduzieren wir schließlich nicht nur den Zuckerkonsum, sondern sparen auch Plastik und CO2 ein. Ein Duft-Pod aromatisiert zwischen fünf und sieben Liter Wasser. Würde man stattdessen Softdrinks oder aromatisiertes Wasser im Supermarkt kaufen, entspräche das etwa fünf bis zehn PET Plastikflaschen. Mit Hilfe der verschiedenen Stipendien konnten wir auch namhafte Investoren gewinnen, durch deren finanzielle Unterstützung Anfang 2019 die Serienproduktion beginnen konnte.

Seit 2019 ist air up eine GmbH, die stetig wächst. Wie viele Mitarbeitende beschäftigen Sie mittlerweile, in welchen Ländern sind Sie bereits vertreten und wieviel Kapital konnten Sie in den vergangenen beiden Jahren generieren?

Lena Jüngst: Seit März 2019 sind wir eine GmbH und seit August 2019 sind unsere Produkte – also das Trinksystem, Pods und Zubehör – über unseren Webshop und im Handel bei ausgewählten Partnern in Deutschland zu erwerben. Seit 2020 gibt es uns auch in Österreich, Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Seit 2021 außerdem in der Schweiz, Großbritannien und Italien. Im Jahr 2021 feierten wir dann unseren 1 Millionsten Kunden und den erfolgreichen Abschluss einer zweiten Finanzierungsrunde innerhalb eines Jahres: So konnten wir zwischen Januar und September 2021 insgesamt über 60 Millionen Euro einsammeln. Ganz stolz sind wir auch, dass wir seit unserer Gründung mit air up rund 85 Millionen Einweg-Plastikflaschen und mehr als 2.465 Tonnen Zucker einsparen konnten. Auch auf interner Seite wird das Wachstum deutlich: Wir beschäftigen heute rund 200 Mitarbeiter aus insgesamt 34 Nationen und bereiten uns gerade auf die Expansion in die USA vor.

Was sind Ihre strategischen Ziele für die Zukunft?

Lena Jüngst: Wir wollen natürlich weiterwachsen und arbeiten auf Hochtouren daran, einen verantwortungsvollen Konsum für die Menschen emotional attraktiv zu machen. Bald auch in den USA. Das ist ein interessanter Markt, da dort gezuckerte Getränke noch einen ganz anderen Stellenwert haben. Gerade bauen wir ein amerikanisches Team auf.

Wie wichtig ist es, die richtigen Kapitalgeber frühzeitig für das eigene Start-up zu begeistern und wie ist Ihnen das gelungen?

Lena Jüngst: Ein wertvoller Nebeneffekt des EXIST-Gründerstipendiums ist es, dass man mit vielen anderen Start-ups zusammenkommt, die oft vor den gleichen Herausforderungen stehen und ähnliche Probleme bewältigen müssen. Dabei erweitert sich das Netzwerk ständig und man kommt auch mit potenziellen Investoren in Kontakt. Darunter war letztendlich ein Investor, der von der Idee begeistert war und an uns geglaubt hat. Unser Innovationsaspekt sowie die Kombination aus Food und Tech haben überzeugt. Wir haben von Beginn an nach Kapitalgebern gesucht, die uns nicht nur finanziell, sondern auch mit ihrer Expertise unterstützen können. Der zweite Investor, der dann dazukam, hatte Know-how in der Produktion und der Dritte hatte bereits erfolgreich amerikanische Getränkemarken in Europa etabliert. Das war für uns die perfekte Konstellation.

Welche Tipps würden Sie Gründungswilligen mit auf den Weg geben und welche Herausforderungen würden Sie im Nachhinein anders angehen?

Lena Jüngst: Unsere ursprüngliche Annahme war: Getränke kauft man im Supermarkt und nicht online. Zu Beginn waren wir daher auch im stationären Handel stark präsent, haben aber festgestellt, dass der Aufwand sehr groß ist und wir dafür nicht ausreichend Kapazität haben. Gleichzeitig haben wir viel Kontrolle über unsere Marke und den Preis abgeben müssen. Etwas später haben wir dann festgestellt, dass sich unser Produkt auch gut online verkaufen und beispielsweise mit Hilfe von Videos gut erklären lässt. Das gibt einem ganz neue Spielräume und so waren wir ab diesem Punkt flexibel genug, unsere Strategie zu ändern. Das ist, denke ich, wichtig: Flexibel bleiben, um Fokus und Prioritäten anzupassen. Aus meiner Erfahrung kann ich zudem sagen: Ich weiß nicht, wie es hätte funktionieren sollen, ohne Vollzeit am Projekt zu arbeiten. Nebenbei, zum Beispiel während des Studiums oder einer anderen Tätigkeit, ist das schwierig. Macht es ganz oder gar nicht! Genauso wichtig ist die Zusammenstellung des Teams. Möglichst divers sollte es sein, die Aufgabenbereiche sollten richtig abgedeckt und abgegrenzt sein. Ein Grund für unseren Erfolg ist, dass wir von Beginn an auch als Team breit aufgestellt waren.

Welche Widerstände waren am schwierigsten zu überwinden?

Lena Jüngst: Eine zuerst nicht so offensichtliche Schwierigkeit war die Aufgabenverteilung innerhalb des Teams. Wer macht genau was? Entscheidend ist es auch, die richtigen Prioritäten zu setzen. Schon recht früh in der Gründungsphase hat man so viele Aufgaben, dass man sie kaum alle alleine bewältigen kann. Ich musste zudem lernen pragmatischer zu sein. Gerade zu Beginn, wenn Investoren einsteigen, wächst die Dynamik, und der Druck steigt mit den Finanzierungsrunden weiter an. Alles scheint extrem wichtig und den Druck nimmt man in diesen Phasen auch überproportional wahr. Hier verwehrt man sich selbst, denke ich, manchmal auch die Möglichkeit etwas Abstand zu gewinnen.

Wie kann es gelingen, eine erfolgreiche Marke aufzubauen und auch internationale Märkte zu erreichen?

Lena Jüngst: Ich denke, eine Marke kann erfolgreich werden, wenn sie den Kunden in den Mittelpunkt stellt. Deutsche Firmen könnten zudem fortschrittlicher in ihren Markenaufbau investieren. Eine Vision zu haben, sie zu formulieren, sie stringent strategisch einzubinden und visuell zu übersetzen, dem Kunden einen echten Mehrwert zu bieten – darin liegt großes Potential. Man gibt zu viel Potential ab, wenn man sich hierüber zu wenige Gedanken macht.

Stand: März 2022